Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 9 (10.2.1917)
- Article
- Die Lodzer Stadtratwahlen und ihre Bedeutung für das polnische Judentum
- Date
- 1917-02-10
- Page
- Seite 250 (sequence 2)
- Language
- German
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250 fortgeschrittenen Arbeiterbevölkerung zum Ausdruck. Dazu isb Lodz, eine Stadt der Polen, Juden und Deutschen. Über den nationalen Charakter der Stadt Lodz herrscht Streit in den verschiedenen Lagern. Die Polen möchten Lodz an und für sich gern als rein polnische Stadt hinstellen. Allein auch sie können nicht leugnen, daß fast die Hälfte der Stadt nicht polnischer Nationalität ist. Allerdings fühlen sich wohl jetzt die meisten Bewohner Polens, auch Lodz', seien es nun Polen, Deutsche oder Juden, als Bürger des neuen polnischen Staatswesens und sind bereit, alle Folgerungen aus der neugeschaffenen Lage durch den 5. November zu ziehen. Das haben auch die Wahlen gezeigt. Der größte Teil der Bevölkerung hat sich in die Listen eintragen lassen, um seine staatsbürgerlichen Pflichten vorerst einmal im kommunalpolitischen Sinne zu betätigen. Die Tageszeitungen haben über den Ausgang der Wahlen bereits berichtet. Von den 60 Mandaten haben die Nationaljuden im ersten Ansturm 25 Mandate (23 bürgerliche, 2 Arbeiter) errungen, und wie durch die Presse bekannt wird, haben die bürgerlichen Nationaljuden sich zu einer Fraktion mit Stimmzwang zusammengeschlossen. Neben den Nationaljuden sind in anderen Parteien noch ungefähr 6 Juden gewählt worden, die in vielen politischen Fragen mit der nationalen Gruppe zusammengehen werden, auch der eine Bundist. Vielleicht können sie in gewisser Beziehung auch auf die zwei Neoassimilanten rechnen, die immerhin sich viel stärker als die ähnliche Gruppe in Warschau als Juden fühlen. Dazu kommen noch 8 deutsche Mandate, wobei es keinem Zweifel unterliegt, daß bei einem Wahlabkommen zwischen Deutschen und Juden wahrscheinlich beide Gruppen noch besser abgeschnitten hätten, obwohl in der letzten Zeit recht viele Deutsche abgewandert sind. Daß diese nahegelegene Kombination nicht zustande gekommen ist, liegt aber daran, daß sowohl Juden als Deutsche durchaus nicht die Absicht hatten, in irgendeiner Weise bei ihren polnischen Mitbürgern den Anschein hervorzurufen oder gar den bestehenden Verdacht zu stärken, daß sie gemeinsame Sache gegen die Polen machen wollten. Dazu sind Deutsche und Juden viel zu überlegt und es besteht auch kein Zweifel, daß besonders in Lodz sowohl bei Juden als bei Deutschen die feste Absicht besteht, sich trotz vieler Bedenken in die neu geschaffene Sachlage hineinzufinden und mit allen Kräften an dem Aufbau des zukünftigen Polens mitzuarbeiten. Viel zu groß und bedeutsam sind die gemeinsamen Interessen aller Bewohner des Landes, als daß Deutsche oder Juden unklug genug sein sollten, mit voller Absicht sich gegen die polnische Bevölkerung in Gegensatz zu bringen. Der gute Wille und was noch mehr ist, die wohlüberlegte Absicht, allen Reibungen mit den Polen aus dem Wege zu gehen, ist vorhanden. Wie weit es gelingen wird, trotzdem mit den Polen in" ein gutes Verhältnis zu gelangen, wird nicht zum geringen Teil auch von dem Geschick und der Gerechtigkeitsliebe der Polen abhängen. Auch dafür hätten die Lodzer Wahlen eigentlich einen Beweis erbringen können — wenn das nicht durch das Verhalten der Polen im letzten Augenblick unmöglich geworden wäre.