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Neue jüdische Monatshefte · 1917-02-10 · Heft 9 (10.2.1917) · p. Seite 248

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 9 (10.2.1917)
Article
Politisierung des deutschen Judentums
Date
1917-02-10
Page
Seite 248 (sequence 5)
Language
German
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248 gehörig fühlen, an allen deutschen Interessen mit dem Herzen teilnehmen und doch eine große politische Volkshilfe auf nationaler Grundlage und ein jüdisches Palästina mit größtem Nachdruck anstreben kann. Man kann durchaus in einer Kultur leben und wirken und daneben die historischen und lebendigen Kräfte einer anderen in sich verarbeiten. Was man allerdings nicht vermag, das ist, völlig in zwei Kulturen zu leben, und noch weniger vermag man innerhalb eines starken Kulturmilieus eine neue Kulturinsel nur durch den Willen zu schaffen, unter Verleugnung des Gesetzes von der organischen Entwicklung allen kulturellen Lebens. Aus einer Kultur kann und soll nationaler Wille erwachsen, aber niemals aus nationalem Wollen eine Kultur im anderskulturellen Milieu —-wie sehr man sie auch erstreben mag. Aus der Erkenntnis dieser Dinge wird sich der Zionismus früher oder später zum Herzl zurückfinden und wieder mehr seinen politischen Charakter betonen müssen. Es bieten sich ihm in der Behandlung der brennenden Frage, was aus der jüdischen Masse werden soll, genug der Möglichkeiten und Arbeitsnotwendigkeiten. Und mit dieser Selbstbesinnung der Partei und dem Nachlassen der Angriffe aus dem anderen Lager wird sich ganz von selbst der Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben mit weiten Kreisen der deutschen Judenheit ergeben. Der Zionismus will das jüdische Volk vertreten. Es ist ein Unding, wenn er sich dann in seinen Auseinandersetzungen mit den Volksgenossen nicht auf das sachlich notwendige beschränken wollte. Wir hoffen auf eine Verständigung, denn das Gegenteil wäre ein furchtbares Unglück für das ganze Judentum. Die Lösung der Judenfrage nach dem zionistischen Ideal liegt in weiter Ferne. Palästina ist heute zur Aufnahme der jüdischen Massen nicht bereit und schleunigste Hilfe.tut not. Dazu bedarf es der Einigkeit und des Zusammenarbeitens aller, die es ehrlich meinen und das Ganze lieben. Wer heute noch der alten Tonart innerer Streitereien oder dem selbstsüchtigen Abschluß einer Gruppe gegen die andere das Wort redet, ist ein Tor oder ein schlechter Kerl. Was wir deutschen Juden lernen müssen, ist das Verständnis für die anderen und ihre seelischen Beweggründe, sowie ein schlichtes Selbstgefühl, das uns erlaubt, unseren geraden Weg nach unserer Überzeugung zu gehen, gleichviel was Juden oder Christen davon halten, ohne doch mit der Art des Vortrags unserer eigenen Ansicht andere zwecklos zu verletzen. Wir müssen lernen, mit Gegnern da zusammenzuarbeiten, wo die Grundprinzipien das nicht verbieten. Vorläufig sind wir von der Erreichung dieses Ziels noch weit entfernt, aber es finden sich doch Ansätze solcher gemeinsamen Arbeit, z. B. bei der Tätigkeit im Interesse der Ostjuden. Endlich muß die dogmatische Schärfe sich mildern, zu der heute noch jede Überzeugung nach innen und in der allgemeinen Politik sich zuspitzt. Gewiß kann man im Alltag nicht jede Differenz sub specie aetemitatis betrachten; oft ist eine gewisse Rücksichtslosigkeit nicht zu vermeiden, und morsche Mauern kann man nicht immer abtragen, man muß sie manchmal umwerfen, sonst fallen sie uns

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