Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 9 (10.2.1917)
- Article
- Politisierung des deutschen Judentums
- Date
- 1917-02-10
- Page
- Seite 247 (sequence 4)
- Language
- German
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247 atenfalls Übertreibung des jüdischen Empfindens nachsagen konnte. Und das alles aus der eben geschilderten inneren Unsicherheit heraus, aus dem Gefühl, daß man nicht nur ein guter Bürger sein, sondern diese selbstverständliche Tatsache auch jeden Augenblick beweisen müsse. Gewiß sind solche Seelenregungen bei der Lage des deutschen Judentums verständlich, aber sie müssen doch einmal ruhiger Überlegung weichen. Und da die Anhänger des Zionismus vom ersten Monat der Bewegung an mit einer Gegnerschaft zu kämpfen hatten, die rücksichtslos ihr schwerstes Geschütz auffuhr, und da sie selbst meist als jüngere, temperamentvolle und begeisterte Leute diesen Anfjriffen gegenüberstanden, durch die man sie als Narren, Verderber des Judentums, mangelhafte Patrioten zu brandmarken suchte, konnte die Erwiderung im gleichen Tone nicht ausbleiben, und sie hat denn auch oft ungerechte Formen gegen Männer angenommen, die objektiv das Gute anzuerkennen bereit waren, wenn sie auch den eigenen ablehnenden Standpunkt wahrten. Das ist ebenfalls bedauerlich, aber auch ebenso verständlich. Heute, nachdem durch den Krieg die Probe aufs Exempel gemacht worden ist, erscheint ein Ausgleich und eine Milderung der Tonart möglich und geboten. Niemand wird nach den großen und willigen Blutopfern, die Zionisten wie Antizionisten freudig dem Vaterlande gebracht haben, den Vorwurf mangelnden Patriotismus weiter erheben wollen. In Scharen haben sich die zionistischen Studenten zu den Fahnen gedrängt und so mit der Tat bewiesen, daß sie in der treuen Pflichterfüllung hinter niemandem zurückstanden. Sie haben mehr getan, als nur einer vom Gesetz erforderten Notwendigkeit zu gehorchen. Damit muß auch die Nervosität derer schwinden, die vom Zionismus eine Gefährdung ihrer staatsbürgerlichen Stellung befürchteten. In Wirklichkeit hat eine solche Gefahr nie bestanden. Das Verständnis für die Bewegung, für die in ihr zum Ausdruck kommenden männlichen Werte und das Streben nach innerer Regeneration des Judentums war immer in christlichen Kreisen weit verbreitet und fand sich an den maßgebendsten Stellen. Abgesehen von vereinzelten Angriffen ist doch seit 20 Jahren dem Judentum aus dem Anwachsen der Bewegung und aus ihrer in breiter Öffentlichkeit geführten Agitation kein Schaden erstanden! Allerdings hat dieser Krieg auch zur Evidenz die Unrichtigkeit jenes übertriebenen jüdischen Nationalismus erwiesen, wie er in der Resolution des Posener Zionistentages zum Ausdruck kam. Die Dinge sind 'eben stärker als Theorien, die sich aus der Ungeduld einer zur Tatenlosigkeit verurteilten, begeisterten Masse ergeben — Theorien, denen übrigens ihre eifrigsten Verteidiger nicht nachgelebt haben. Es ist praktisch unmöglich, den Golus zu verneinen. Wir leben in ihm und er fordert hart seine Rechte, gleichviel, ob wir ihn anerkennen oder nicht. Die Verneinung erscheint aber auch gar nicht erforderlich. Dieser Krieg bewies mit unerbittlicher Klarheit, daß man am Vaterlande hängen und das Mutterland lieben, daß man sich ganz als der deutschen Kultur zu-