Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 9 (10.2.1917)
- Article
- Politisierung des deutschen Judentums
- Date
- 1917-02-10
- Page
- Seite 249 (sequence 6)
- Language
- German
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249 auf den Kopf. Aber solche Fälle müssen Ausnahmen bleiben. Wie unwichtig erscheinen uns „große" Kämpfe oft schon nach wenigen Jahren! Und wie winzig werden sie in der Geschichte erscheinen! Theodor Fontane, der wahrlich kein Antisemit war, schrieb einmal: „Die Juden sind und bleiben politisch unverständlich; sonst so praktisch, verfallen sie politisch sofort der Phrase. Sie sind Phantomanbeter, Anbeter eines Gottes, den sie sich erst machen. Wie in ältester Zeit immer Rückfälle in den Götzendienst. Aber es hilft ihnen nichts, sie schreiben Zeitungen, aber nicht Geschichte." Dies Wort ist nur allzu wahr; es gilt nicht nur von denen, die Geschichte schreiben, sondern auch von denen, die am Webstuhl der Zeit mitschaffen wollen. Für das deutsche Judentum ziehen dunkle Wolken herauf. Sorgen wir beizeiten, daß der Ausspruch Fontanes bald unwahr werde. Die Lodzer Stadtratwahlen und ihre Bedeutung für das polnische Judentum Von einem hervorragenden Kenner der Lodzer Verhältnisse gehen uns folgende Betrachtungen zu: In den letzten Wochen haben in dem okkupierten Gebiet die Stadtratwahlen stattgefunden. Sie sind nun fast überall abgeschlossen und bieten Gelegenheit, sich ein Bild von der Stimmung der Bevölkerung zu machen. Die Wahlen sind auch darum von besonderer Bedeutung, als sie den ersten freiwilligen politischen Akt der Bevölkerung in dem neugegründeten Staatswesen darstellen und erkennen lassen, welche politisch-nationalen Strömungen sich im neuen Polen bemerkbar machen. Man darf die Bedeutung der Wahlen natürlich nicht überschätzen. Wahlen können nur dann ein wirkliches Bild von der Stimmung des Landes geben, wenn die Bevölkerung schon eine gewisse politische Reife besitzt und die Wahlen unter normalen Verhältnissen stattfinden. Dazu kommt noch, daß das Wahlrecht selbst ein geeignetes'sein muß. Alle diese Voraussetzungen treffen aber nur im geringen Maße in dem heutigen okkupierten Polen zu. Am ehesten kommen aber noch die Verhältnisse in Warschau und in Lodz in Frage. Warschau scheidet jedoch für die Beurteilung aus, weil dort in Wirklichkeit keine Wahlen stattgefunden haben, sondern eine Einigung* in den fünf ersten Kurien erfolgte. Zudem fanden die Wahlen vor der, Proklamierung des Königreichs statt. Für die Beurteilung der allgemeinen Lage wären also in der Hauptsache die Lodzer Wahlen in Betracht zu ziehen. Die Kenner der Verhältnisse hatten im allgemeinen den Ausgang der Wahl so vorausgesagt, wie er tatsächlich erfolgt ist. Das war auch nicht so schwer, da Lodz gewisse typische Verhältnisse bietet. Lodz ist Industriestadt. In den Wahlen kommt also die Stimmung der