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Neue jüdische Monatshefte · 1917-02-10 · Heft 9 (10.2.1917) · p. Seite 246

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 9 (10.2.1917)
Article
Politisierung des deutschen Judentums
Date
1917-02-10
Page
Seite 246 (sequence 3)
Language
German
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246delt, wenn Angriffe auf ^die Gesamtheit abzuwehren sind. Im übrigen sind die deutschen Juden weder eingeschworene Gefolgsleute der Fortschrittspartei, noch der Sozialdemokraten oder - irgendeiner anderen Gruppe. Sie haben als Reichs- oder Staatsangehörige lediglich ihrer politischen individuellen Überzeugung Ausdruck zu verleihen. In weiten Kreisen herrscht heute noch die Überzeugung, jeder Jude müsse Demokrat sein. Das ist ein großer und bedauerlicher Irrtum. Ein erheblicher Teil der deutschen Juden empfindet gar nicht liberal und noch weniger sozialistisch. In Ländern mit glücklicheren Parteiverhältnissen sitzen zahlreiche jüdische Abgeordnete auf den Bänken der Konservativen, z. B. in England und Italien, und das jüdische Element dieser Länder ist ganz und gar nichtf oppositionell, Jeder Kenner der Verhältnisse weiß, daß auch in. Deutschland viele Juden konservativ gesinnt sind. Viele, die heute den radikalen Parteien Gefolgschaft leisten, sind wirklich überzeugte Anhänger des liberalen Gedankens, oder des Sozialismus, und andere tragen diesen Parteien die Dankesschuld dafür ab, daß sie sich der gerechten Forderungen auf praktische Durchführung der Gleichberechtigung wenigstens von Zeit zu Zeit annehmen. Aber viele andere würden lieber mit den weiter rechtsstehenden Parteien gehen; sie werden nur durch die Verhältnisse nach links abgedrängt. Gegenüber manchen Bemühungen von einsichtsvoll konservativer Seite müssen immer wieder diese Verhältnisse klargelegt werden. Gewiß ist ein Boden für diese Bestrebungen vorhanden, aber sie können erst dann praktischen Erfolg haben, wenn die rechtsstehenden Parteien 6ich rückhaltlos auf dem Boden der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung aller Deutsehen stellen und so den ideell und wirtschaftlich konservativ gerichteten Kreisen des deutschen Judentums den Anschluß ermöglichen. Vor allem muß aus dem Tivoliprogramm der die Juden betreffende Passus schwinden, bevor ehrenhaft empfindende Männer sich den Konservativen anschließen können. Noch größere Mißverständnisse sind da hervorgetreten, wo das Schicksal der großen jüdischen Maasen politischer Behandlung bedurfte. Hier ist ein Tasten und Schwanken erkennbar, eine Nervosität, die durch die Tatsachen nicht im geringsten gerechtfertigt erscheint und zu den bedenklichsten Schritten geführt hat. Es soll hier nicht von Berechtigung oder Nichtberechtigung der zionistischen Bewegung gesprochen werden — schon allzuviel ist hüben und drüben gesagt worden, und im allerschärfsten Ton. Genug — sie ist. Und da sie sich auch seit 20 Jahren erhält, ungesunde und unvernünftige Bestrebungen aber stets inneralb einer gewissen Zeit an ihrer inneren Schwäche dahinsiechen, so muß diese wohl mindestens für einen Teil auch des deutschen Judentums ein Bedürfnis gewesen sein. Gewiß war es nun das gute Recht Andersmeinender, die Bewegung zu bekämpfen, aber in welcher Art und Weise ist das geschehen! Von dem bekannten Rabbinerprotest bei der Gründung bis zu dem Zeitungsprotest des Jahres 1913 immer dasselbe System der Boykottierung und öffentlichen Bloßstellung von Leuten, denen man doch schlimm-

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