Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 9 (10.2.1917)
- Article
- Politisierung des deutschen Judentums
- Date
- 1917-02-10
- Page
- Seite 245 (sequence 2)
- Language
- German
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245 möglich wäre, die Dinge weniger auf die Spitze zu treiben. Die verschiedenen religiösen Richtungen müssen daher getrennt nebeneinander hergehen; aber das würde doch in wesentlich friedlicherer Weise geschehen, wenn nicht so häufig die Notwendigkeit bestünde, bei der Ordnung innerer Fragen sich mit der Staatsgewalt auseinanderzusetzen. Wo die Zwangsorganisation besteht, oder sich anzubahnen scheint, glaubt sich ein Teil der Judenheit in Gewissensnot zu befinden. Er ist gezwungen, sich an den Staat zu wenden, und findet dort bei den Lebensanschauungen der regierenden Kreise weitgehendes Verständnis. So werden Maßnahmen veranlaßt oder verhindert, mit denen die große Mehrheit mit Recht oder Unrecht sich nicht einverstanden erklären kann. Kein Wunder, wenn sie ihrerseits dadurch in eine Stellungnahme gedrängt wird, die eine gerechte Würdigung der gegnerischen Gründl ausschließt. Die Orthodoxie ihrerseits aber wittert in jedem organisatorischen Schritte der Mehrheit die Absicht der Vergewaltigung und betrachtet ihn mit Mißtrauen und Kampfbereitschaft. Diesem Übelstande wird bei der rechtlichen Stellung der deutschen Judenheit nur schwer zu begegnen sein, und man wird nur dahin wirken müssen, daß wenigstens die einzelnen einander milder als bisher gegenübertreten und sich nicht gegenseitig die redliche Überzeugung abstreiten. Allen religiösen Richtungen sollte von den Gemeindeverwaltungen weitgehend Rechnung getragen werden; die Vorsteher haben nicht über die Gewissen, sondern über Verwaltungsposten zu verfügen. Leider beginnt, schon in diesem engsten Kreise jüdischer öffentlicher Arbeit die Verworrenheit. Die Gemeindevertretungen suchen sich tüchtige Kräfte fernzuhalten, weil diese jüdisch-nationalistische Überzeugungen haben. Die Nationalisten dagegen stellen sich bei den Gemeindekämpfen ohne Rücksicht auf ihre religiösen Überzeugungen stets an die Seite derjenigen Gruppe, die ihnen als die nationalere erscheint — in der Praxis meist der konservativen. Das Vorgehen beider Teile ist fehlerhaft. Die nationalen Überzeugungen dürfen nicht den Anlaß zur Ausschaltung sonst geeigneter Persönlichkeiten bilden. Um so weniger, als gerade unter den jüngeren Zionisten sich viele fähige und außerordentlich tüchtige Kräfte befinden. Die einseitige Stellungnahme der Zionisten aber bringt ganz überflüssigerwoise die bekämpfte Gruppe gegen den Zionismus in Harnisch, während die Aussichten auf Eroberung der Gemeinden zurzeit wenigstens minimal erscheint. Nur, wo es sich um Fragen nationalen Charakters handelt, wie z. B. beim Kampfe um das Wahlrecht der Ausländer, haben die zionistischen Gruppen Anlaß, sich als solche an der Wahl zu beteiligen. Schließlich kann hier das mangelhafte politische und gegenseitige Verständnis wohl Schaden stiften, doch sind diese inneren Streitigkeiten kaum ernster oder gehässiger als innerhalb anderer Religionsgemeinschaften. Anders steht es bei den politischen Kämpfen in der breiten Öffentlichkeit. Das deutsche Judentum als solches hat hier nur dann einzugreifen, wenn es sich um die Gleichberechtigung seiner Mitglieder han-