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Neue jüdische Monatshefte · 1917-01-25 · Heft 8 (25.1.1917) · p. Seite 229

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 8 (25.1.1917)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1917-01-25
Page
Seite 229 (sequence 8)
Language
German
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229 Mystik der östlichen Landaristokratie hindurchzuwaten, bis der innere sittliche Gehalt der Religion einstmals erreicht sein wird, der ja übrigens auch der jüdischen Religion hier zuerkannt wird. So wird es denn sonnenklar, daß das ganze Lockgespenst der Assimilation in ein leeres Nichts verschwindet, sobald der anständige moderne Gelehrte die Sprache wiederfindet. Aber leider sind wir schon daran gewöhnt, daß dieser Denker nicht auf der geraden Linie sich halten kann. Nach dem angeführten Satze heißt es unmittelbar: „als die Juden selbst da, wo sie die Macht haben, ebenso duldsam und gerecht gegen die Nichtjuden werden, wie sie es; von den Christen verlangen.4' Also „werden" sollen die Juden erst duldsam und gerecht gegen die Nichtjuden; sie sind es also noch nicht. Und welche Beweise hat der Mann für diese harte Anschuldigung vorzubringen, welche allein schon hinreichend wäre, den Juden den Hals zu brechen und ihnen alle Disposition zu der vergönnten Assimilation Abzusprechen? . Jetzt kommt nun aber eine Schlußbetrachtung, höchst wirkungsvoll für einen Zeitungsartikel, aber ebenso bedenklich für einen gewissenhaften Gelehrten. „Hätten wir nur Nathannaturen unter unseren 600 000 deutschen Juden, so gäbe es überhaupt heute kaum eine Judenfrage mehr11 (auch dann nur „kaum"), „aber wir haben auch noch Shylocknaturen, und die Mehrzahl der Juden steht vielleicht zwischen diesen beiden Extremen in der Mitte. Ganz ebenso ist es freilich auf christlicher Seite." Muß einem da nicht die Geduld ausgehen? Wenn es ganz ebenso auf christlicher Seite ist, muß man da nicht mit Mephisto fragen: Wozu der Lärm? In der Folge aber wird die christliche Shylocknatur noch genau definiert durch den „christlich-germanischen Rassenstolz und die althergebrachten Vorurteile, die Sitten, die zur Unsitte geworden sind". So dankenswert, ja in vollem Ernst, so anerkennenswert als eine wirkliche Aufrichtigkeit der Gesinnung diese Parallelisierung gemeint sein mag, so trilTfc sie doch nicht ganz zu. Denn Shylock hat nicht nur Rassenslolz und Unsitten, sondern den Haß gegen den Hasser. Und dieser Christenhaß, als eine Eigenschaft des jüdischen Charakters, ist das Vorurteil des Mittelalters, welches leider nicht ausgestorben ist; und deshalb ist diese Unterscheidung der Nathannatur und der Shylocknatur auch heute noch sehr gefährlich. Das eben ist ja aber die große Lehre, welche Lessing seinen Nathan für alle Zukunft verkünden läßt: daß der Jude den Christen nicht nach seinen schlimmen Worten beurteilt und auch nicht nach solchen Handlungen; daß der . Jude nicht schlechthin den Christen haßt, sondern daß er seine Großmut anerkennt und liebt, wo sie ihm zuteil wird.. Und das ist die große Entwicklung, welche der deutsche Geist an dem jüdischen Geiste vollbracht hat, daß er diesem die Einsicht eingeprägt hat von den Wohltaten, die der jüdische Geist vom deutschen Geiste empfangen kann und empfangen soll. Es gibt keine

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