Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 8 (25.1.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-01-25
- Page
- Seite 225 (sequence 4)
- Language
- German
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225 um den Angelpunkt der Assimilation dreht. Alle seine Fragestellungen werden von diesem seiriem Mittelpunkte aus verständlich. „Die Grundlage eines gerechten Urteils über die politische und gesellschaftliche Judenbehandlung im modernen Staate, wie in den Staaten der Vergangenheit, muß stets die Beantwortung der Fragen bilden: wie groß ist die Zahl der Juden im betreffenden Staate gegenüber den germanisch-christlichen Elementen." Es bleibt nun auch nicht bei dieser Frage nach der Zahl, sondern sie wird noch weiter spezialisiert in bezug auf den Unterschied der Stände, der räumlichen Verteilung, sogar auch im Verhältnis zu dem Niveau des Volkes, unter dem die Juden leben, und endlich sogar auch auf die „religiös kirchliche Entwicklung des betreffenden Volkes und der unter ihm lebenden Juden". Also bildet die religiöse Frage doch ein Moment in dieser Hauptfrage! Warum wird es aber in erster Linie nur in Betracht gezogen für das herrschende Volk, und warum wird es gegen alle die anderen sozialen Momente hintangestellt? Warum wird ferner auch das „gerechte Urteil41 für den modernen Staat im Zusammenhang gesucht mit den „Staaten der Vergangenheit4'? Hat das gerechte Urteil nicht eine andere Bedeutung, als ein historisches für die Staaten der Vergangenheit, und eine andere, als ein politisches für den modernen Staat? Entspricht es etwa wirklich der modernen Politik, von der Verhältniszahl das „gerechte44 Urteil abhängig zu machen? Schmoller hat sich schon durch diese logische Disposition seiner Frage das methodische Problem der Politik verwirrt. Und seine an diese Disposition angeknüpften Betrachtungen führen diese Unklarheiten in weiteren Zweideutigkeiten und Selbstwidersprüchen durch. Auch für das Mittelalter nimmt er nur das „Durcheinanderwohnen verschiedener Rassen44 als den hauptsächlichen Grund der Judenverfolgungen an. Ebenso will er die „heutige russische Judenpolitik" erklären, wie das „Judenghetto in den mittelalterlichen Städten44. Jeder Fremde galt und gilt als Feind. „Langsam rang sich aus solchen psychologischen und kulturgeschichtlichen Zuständen die Idee heraus, daß die Menschen vor Gott gleich seien, also auch von den Menschen so behandelt werden sollen.44 Auf eimai erscheint nun doch das religiöse Prinzip als ein Moment bei dieser ganzen Frage. Aber war denn dieser Gedanke von der Gleichheit der Menschen vor Gott im Mittelalter etwa gar nicht vorhanden? Oder aber war er zurückgedrängt und vernichtet worden durch den Gedanken, daß nur, wer an Christus glaubt, die Menschengleichheit vor Gott habe? Und wie steht es heute mit diesem Grundgedanken aller wahrhaften Religion? Die Betrachtung leitet nunmehr zur Aufklärung des 18. Jahrhunderts über, welche „den Anfang der äußeren Rechtsgleichheit gebracht habe". Er fährt aber unmittelbar fort: „Soll eine solche Früchte tragen.4' Wir halten inne. Ist die Auflärung nicht an und für sich selbst eine reife Frucht, die nur noch ferneren Wachstums und eigener Höherentwicklung zugänglich bleibt, aber nicht erst auf ihre Früchte hin zu prüfen ist? Der Autor fährt fort: „so muß sie verbunden sein