Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1917-01-25 · Heft 8 (25.1.1917) · p. Seite 216

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 8 (25.1.1917)
Article
Die Ostjudenfrage
Date
1917-01-25
Page
Seite 216 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908699-2909301--0378-2909329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

216 wo die polnische Verwaltung noch unter der deutschen Kontrolle steht, auf Schritt und Tritt majorisicrt worden, wie auch anderseits unverkennbar ist, daß die jüdischen Vertreter sich immer enger zusammenschließen und als eine besondere nationale Gruppe auftreten. Ist doch schon nach den Wahlen in der sogenannntea Assimilantengruppe in Warschau eine Spaltung eingetreten, welche beweist, daß es einer ganz kurzen Wirksamkeit der polnischen Verwaltung genügte, um der Mehrheit der Assimilanten unter den Juden die Augen zu öffnen und das jüdisch-nationale Bewußtsein noch bei den im übrigen wenig zahlreichen polemisierten Juden wachzurufen. Heute kann mit voller Bestimmtheit schon von vornherein gesagt werden: es liegt im Interesse des zukünftigen polnischen Staates selbst, seiner ruhigen inneren Entwicklung und Sicherung seines Bestandes, daß der Judenschaft des Königreichs Polen, noch bevor die polnischen Staatslenker selbst die volle Macht in ihre Hände bekommen, ihre besonderen nationalen und konfessionellen Rechte gewährt und durch entsprechende staatsrechtliche Einrichtungen gesichert werden. Die von polnischen Politikern mit solcher Vorliebe ins Treffen geführte Behauptung, daß sich die Juden in Polen ohne weiteres Assimilieren lassen, ist nicht ernst zu nehmen. Über die Aussichtslosigkeit der Assimilationsarbeit unter den Ostjuden habe ich schon ausführlich an einer anderen Stelle geschrieben (in dem Ostjudenheft der „Süddeutschen Monatshefte"). Die polnischen Juden haben ihre Sprache dem Deutschen entnommen und ihren deutsch-jüdischen Dialekt ganze Jahrhunderte hindurch in vollem Umfange bewahrt, wie auch die jüdische Intelligenz ihrer kulturellen Veranlagung nach dem Deutschtum viel näher steht als der polnischen Volksmasse, der sie ganz fremd — von dem geschäftlichen Verkehr abgesehen — gegenübersteht. Diese jüdische Volksmasse wird sich daher nicht polonisieren lassen, und da sie eine besondere ethnische Gruppe bildet und als eine solche bleiben und sich zu einer besonderen nationalen Individualität entwickeln will, so ist es recht und billig, daß den polnischen Juden sowohl die politischen Vertretungsrechte, als auch kulturell-nationale Autonomie gewährt werde. Unter einem anderen Gesichtswinkel muß die Frage in G a 1 i z i e n betrachtet werden, da dort die Verhältnisse viel komplizierter sind. Galizien ist kein polnisches, sondern im Westen ein polnisches und im Osten ein ukrainisches (ruthenisches) Land, welches jedoch infolge eigenartiger politischer Verhältnisse in Österreich einer starken Polonisierungstendenz ausgesetzt ist. Diese Polonisierungsgefahr würde sich aber in der Zukunft noch steigern, wenn die angekündigte Sonderstellung Galiziens zur Tat werden sollte. Die polnische Gefahr für alle nichtßolnischeiPNationalitäten des Landes liegt nicht etwa in der von polnischen Chauvinisten behaupteten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.