Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 8 (25.1.1917)
- Article
- Die Ostjudenfrage
- Date
- 1917-01-25
- Page
- Seite 215 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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215 Die Ostjudenfrage Eine Unterredung mit Dr. Eugen L e w i c k y, Wien Mitglied des österreichischen Reichsrates Die Judenfrage als Gesamtkomplex und ihre einzelnen Teile, die national-kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Probleme, sowie die Stellung der Juden zu den anderen Völkern erheischen eine gründliche, objektive Erörterung und Klärung. Um diese zu ermöglichen, veranstaltet die Redaktion der „Neuen Jüdischen Monatshefte" eine Enquete in Form von Interviews mit repräsentativen jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten. Alle zusammen werden ein Spiegelbild der Ansichten über die Judenfrage und den Weg zu ihrer Lösung bieten. Wir lassen heute den bekannten ruthenischen Abgeordneten Dr. Enge n Lowick y zu Worte kommen. „Durch die Ankündigung der Wiederherstellung des Königreichs Polen und der Sonderstellung Galiziens ist die Ostjudenfrage, insofern die polnischen und ukrainischen Länder in Betracht kommen, in das Stadium der Lösung getreten. Man wird ja über eine Gesamtbevölkerung von über zwei Millionen Menschen auf dem vorerwähnten Gebiete sich nicht ohne weiteres hinwegsetzen können, um so mehr, als für eine entsprechende Behandlung der jüdischen Frage in Polen und Galizien auch besondere gewichtige politische Momente mitsprechen. Die Aussichten der Juden als einer selbständigen ethnischen und kulturellen Individualität haben sich in der letzten Zeit insofern verschlimmert, als die Verfechter einer uneingeschränkten polnischen Unabhängigkeit im polnischen Lager größere positive Erfolge für das zukünftige polnische Staatswesen zu erzielen scheinen, als man den Polen zu gewähren ursprünglich gesonnen war. Über die Stimmung der polnischen führenden Kreise dem Judentum gegenüber kann man sich kaum irgendwelchen Täuschungen hingeben. Die polnischen Politiker stehen ohne Ausnahme auf dem Standpunkte, daß die jüdische Volksmasse unbedingt polonisiert werden muß und daß der Jude nur als ein polnischer Patriot im zukünftigen polnischen Staate 'geduldet werden kann. Sie gewähren die „Gleichberechtigung" nur "für den Verzicht auf die Ausübung eigener nationalen Rechte, und der für das unabhängige Polen schwärmende „Jankier aus Mickiewiczs „Pan Tadeusz" ist die einzige jüdische Gestalt, die ein polnischer Patriot auf dem Gebiete des Königreichs gelten läßt. Werden daher die Polen allein die innere Einrichtung des zukünftigen Königreichs in ihre Hände bekommen, dann haben die Juden nichts für siel» zu erwarten. Den Vorgeschmack dessen, was für diesen Fall eintreten würde, geben uns die Vorgänge im Warschauer Stadtrate. Es hat sich aus den dort geführten Debatten herausgestellt, daß die Juden schon jetzt.