Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 8 (25.1.1917)
- Article
- Politisierung des deutschen Judentums
- Date
- 1917-01-25
- Page
- Seite 213 (sequence 3)
- Language
- German
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213 um gleichgültiger Dinge willen, oft wegen der Besetzung eines Gemeindeältesten, aufs heftigste befehdeten. In der Enge muß das Streben von Menschen eng werden, für die es keinen großen Ehrgeiz und keine großen Ziele gibt. Dazu kommt, daß unsere Väter aus ihrem Schrifttum eine rein deduktive Geistesausbildung empfingen. Man erzog sie wohl zu strengen Logikern, bewirkte aber gerade dadurch, daß ihnen die Organe zur Fühlungnahme mit der Außenwelt verkümmerten. Gerade der gebildete Jude früherer Zeit brach unmittelbar nach Beendigung der notwendigsten Angelegenheiten sogleich seine Beschäftigung mit der Welt ab und zog sich zum Talmudstudium zurück. Die Umgebung, der Staat, die Natur waren für ihn Dinge von untergeordnetem Werte und mußten es sein. Er fand sich damit ab, so gut es eben gehen wollte, hörte durch Jahrhunderte auf, Menschen und Dinge zu beobachten und experimentelle Schlüsse zu ziehen. Gar die liebevolle Vertiefung in Einzelheiten des äußeren Lebens erschien als zeitraubender Überfluß und wird z. B. bei den unter gleichen Verhältnissen lebenden Ostjuden als solcher empfunden. Umsonst hatten die Alten gefordert, daß der Gelehrte ein Handwerk treiben oder den Boden bebauen sollte, um so den Zusammenhang mit den Dingen rings umher zu wahren. Noch die heute lebende Generation leidet unter diesem allzu deduktiven Denken; viele von uns haben unvollkommene Sinne für die Außenwelt, berauschen sich an Theorien und betrachten Ideale als schon vorhandene Realitäten. Und wenn sich heute bei uns im Westen ganze Gruppen von Personen damit befassen, deduktiv das eigene Wesen und das der jüdischen Eigenart zu ergründen, um daraufhin die Regelung des jüdischen Lebens und der jüdischen Aufgaben für den einzelnen und die Gesamtheit fundieren zu wollen, so mag das wohl im einzelnen wertvolle Ergebnisse zeitigen und gelegentlich ein Stückchen Gold zutage fördern, aber sie vergessen, daß „grün des Lebens goldner Baumu ist. Was sie treiben, ist in Wirklichkeit die Fortspinnung der alten Weise, nur daß heute an die Stelle des religiösen das national-kulturelle Motiv getreten ist, das man literarisch-ästhetisch verbrämt Aus ihm wird jede Lebensregung und -äußerung hergeleitet, erklärt und durch andauernde „Vertiefung'1 geht der — wie bei jedem Volke, so bei den Juden — politisch-wirtschaftliche Charakter des Nationalismus in den einer■ religiös-grüblerischen Sekte über, mit allen Vorzügen und Nachteilen einer solchen: grenzenloser Hingabe an die Idee, Reinheit des Willens, bewußt gewollter Exklusivität, Selbstüberschätzung und des neben großen Vorzügen doch erhebliche Schilden zeigenden, in der Vorstellung idealisiert aufgefaßten Ostjudentums als alleinigen jüdischen Wertfaktors, Forschen nach den seelischen Beweggründen der Genossen. Mit Politik hat das alles nicht das geringste mehr zu tun, solche Sache ist Arbeit des einzelnen. Nicht religiöse oder national-phiiosophierende Weltanschauung macht das Wesen einer politischen Bewegung aus. Weltanschauung gibt das Judentum, nicht der Nationalismus inner-