Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 8 (25.1.1917)
- Article
- Politisierung des deutschen Judentums
- Date
- 1917-01-25
- Page
- Seite 214 (sequence 4)
- Language
- German
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214 halb desselben. Politische Organisationen fordern stets nur die Erfüllung der in Programmen festgelegten, genau begrenzten Pflichten. Die seelischen Konstruktionen ihrer Mitglieder können von ihnen nicht auf Herz und Nieren geprüft werden. Sie zielen auf die Beeinflussung anderer, auf die Gewinnung von Macht. Sind sie doch lediglich Zweckverbände zur Erreichung gewisser Ziele und suchen ihren Anhängerkreis auszudehnen, nicht zu beschränken. Man wird zwar, nach einem Worte Stahls, konservativ oder liberal geboren; d. h. die Wesensrichtung, die zu Beharrung oder Fortschritt drängt, liegt vielleicht in uns, oder wird doch frühzeitig durch Erziehung und Umgebung bestimmt. Aber Politik an sich wird durch die Dinge um uns her, nicht durch Funde bestimmt, die wir auf Grund theoretischer Erkenntnisse in uns selbst machen, so wertvoll sie für den einzelnen sein mögen. So sind äußere und innere Tatsachen zusammengetroffen, um den Durchschnittsjuden zu einem Bojov ilnoAmxüv, einem unpolitischen Lebewesen zu gestalten, auf das politische Schlagworte mit besonderer Kraft wirken, der sich „Richtungen" mit Haut und Haaren verschreibt, unselbständig im Urteil und im Glauben an die allein seligmachende Kraft irgendwelcher Theorien leicht die eigene Lage und die der Gesamtheit verkennt und vom Siege dieser Theorien alles Heil erwartet. Der deshalb allzuleicht enttäuscht, entweder resigniert oder aber — wobei die wachsende Traditionslosigkeit das ihrige tut — sich in Extreme drängen Iiißt und dann die Fehden sachlicher Natur aufs persönliche Gebiet überträgt. Aus diesem politischen Denken der Mehrheit hat sich in allen westlichen Ländern und in Amerika der Übelstand ergeben, daß einzelne, oft nur reiche, sonst aber sehr durchschnittliche Persönlichkeiten als „berufene'' Führer die Leitung des Ganzen monopolisieren, die so notwendige Heranziehung jüngerer Kräfte verhindern, und dabei gewisse Erfolge erzielen — sehr zum Nachteil des Ganzen. Endlich, daß einzelne Gruppen in Ausnutzung persönlicher Beziehung bei den Behörden gegeneinander arbeiten und sich gegenseitig* diskreditieren, wodurch diese in die angenehme Lage versetzt werden, je nach Bedürfnis, sich auf die vorgetragenen Anschauungen der einen gegenüber den anderen zu stützen, um die Wünsche beider ablehnen zu können. Es erübrigt sich, Beispiele für alle diese wohlbekannten Verhältnisse aus der Praxis zu geben. Der schlagendste Beweis liegt vielleicht in der Notwendigkeit, an dieser Stelle betonen zu müssen, daß mir bei dieser Kritik jede aggressive Absicht gegen irgendwelche Gruppen oder Personen weltenfern Hegt, daß es aber notwendig erscheint, einmal öffentlich auszusprechen, 'was jeder weiß, im engeren Kreise bestätigt und öffentlich verschweigt! (Schluß folgt)