Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 8 (25.1.1917)
- Article
- Politisierung des deutschen Judentums
- Date
- 1917-01-25
- Page
- Seite 212 (sequence 2)
- Language
- German
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212 sellschaft und des Staates. Während sonst stets in der Geschichte das Gesotz einen schon geschaffenen oder doch von der Überzahl als notwendig erkannten Zustand zu kodifizieren sucht, wurde hier theoretisch ein Rechtszustand geschaffen, der noch nicht in der Überzeugung der Mehrheit wurzelte. Selbstverständlich mußte gegen die so geschaffenen Verhältnisse ein Ansturm all derer erfolgen, die seelisch für den neu geschaffenen Zustand nicht reif waren. Der Präsident des Evangelischen Überkonsistoriums in der Bayerischen Kammer rief im Jahre 1849 bei der Debatte über die Judenfrage aus: „Nicht die Juden, nein, die Christen sind nicht reif für die Judenemanzipation,'4 Das verbesserte freilich nicht die Lage der Juden an sich, und sie, die ohnehin jene schweren seelischen Kämpfe auszufechten hatten, die sich aus der völligen Erschütterung bisher feststehender Begriffe infolge der neuen Gesellgehafts- und Rechtsstellung für sie ergaben, gerieten so auch der Umgebung gegenüber in eine Unsicherheit hinein, die bis zum heutigen Tage nicht überwunden ist. Die christliche Gesellschaft, der sie sich anpassen sollten und wollten, gebürdete sich ihnen gegenüber freundlieh und feindlich, gerecht und ungerecht, zog sie an und stieß sie ab. Dazu kam die Haltung des Staates, Er, der berufene Schützer der Gesetze, war hier nur allzu bereit, sieh selbst zu desavouieren und der Volksstimmung, der man bei Schaffung der Emanzipation bewußt nicht Rechnung getragen hatte, weitgehende Zugeständnisse zu machen. So entstand in den einen ein Zustand unbedingt blinden Vertrauens in den allmählichen Fortschritt, der sie zu immer neuen Opfern an der Eigenart anspornt; in den anderen ein solcher gänzlicher Verneinung der Emanzipationsmöglichkeiten oder doch mißtrauischer Zurückhaltung. Und in vielen wechselten diese Seelenzustände nach der jeweiligen Richtung der Politik, bis sie sich in sich selbst kaum mehr zurechtfanden. Endlich war man jeden Augenblick belauert von der antisemitischen Presse, die mit Freuden den geringsten Pflichtenverstoß des einzelnen verzeichnete und der Gesamtheit zur Last legte. Das alles mußte selbstverständlich eine Unsicherheit des politischen Gefühls erzeugen, die sich, wie nach außen, so auch nach innen kundtat. Da jeder glaubte, daß des anderen öffentliches Auftreten, seine politische Stellungnahme, für ihn mitverbindlich sei und unter Umständen die Gesamtheit schädige, spitzten sich die Gegensätze außerordentlich zu. Man war bestrebt, einander Verantwortungen zuzuschieben und erhob Vorwürfe, die weit über das hinausgingen, was der natürliche Gegensatz bedingte. Das alles erscheint um so erklärlicher, wenn man bedenkt, daß die Juden selbst viele Hunderte von Jahren von jeder politischen Betätigung abgeschnitten gewesen waren. Während der ganzen Zeit des Golus hatte man sie in sich selbst hineingetrieben, hatte ihnen die Möglichkeit des Wirkens nach außen genommen, ihnen die politische und geistige Einwirkung auf dritte völlig untersagt. Dadurch war eine Kleinlichkeit in der Auffassung öffentlichen Wirkens entstanden, die in ilor Bildung von Gruppen und Grüppchen zum Ausdruck kam, die sich