Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Soziologische Tagebuchblätter
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
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203 Erwilgungeri dieser Art neben anderen, die mich seinerzeit bewogen haben, die genossenschaftliche Siedlung anstatt der Einzelsiedlung für Palästina zu empfehlen: die Kapitalkraft der zionistischen Bewegung war damals — und ist heute noch — im Verhältnis zu der zu erfüllenden Aufgabe so lächerlich winzig, daß die billigste Methode den Vorrang haben muß. Eine andere Erwägung war die folgende, in der 0. (vgl. S. 13) mit mir übereinstimmt: Zum Gedeihen der einzelbäuerlichen Ansiedlung ist die „familienhafte Wirtschaftsweise44 fast überall die conditio sine qua non. Da nun vorläufig die jüdische Bäuerin noch ein frommer Zukunftswunsch ist, mußte ich den genossenschaftlichen Großbetrieb empfehlen, der die familienhafte Wirtschaft nicht gebraucht. Ich muß meiner Befürchtung Ausdruck geben, daß die von 0. vorgeschlagene Besiedlung des Heiligen Landes mit einzelbäuerlichen Betrieben allein aus diesem Grunde beträchtlich langsamer verlaufen wird, als er sich vorstellt, selbst wenn die erforderlichen Mittel an Land, Geld und Männern in dem von ihm erwarteten Maße zuströmen sollten, worüber ich auch weniger optimistisch denke: es müßte denn sein, daß es in der Tat gelingen sollte, den Strom altangesessener jüdischer Bauern aus den nordwestlichen und südlichen Gouvernements Rußlands nach Palästina zu leiten, „Tausende von jüdischen Familien, welche seit zwei oder drei Generationen Getreidebau, Tabakbau und zum Teil auch Obst- und Weinbau getrieben haben44 (S. 29), und ebenso die „Tausende von ausgezeichneten Gemüsebauern und Milchpächtern aus den russischen nordwestlichen Gouvernements44 (S. 30). Bis jetzt ist es kaum je gelungen, dieses wertvollste Element, das massenhaft nach Argentinien und Brasilien abströmt, der jüdischen nationalen Siedlung zu gewinnen. Um nun zu dem Gedankengang des Buches zurückzukehren, so hat sich in der Praxis der nordeuropäischen Staaten überall gezeigt, daß der endgültigen Besiedlung mit Einzelbauern eine gewisse, ziemlich lange und recht kostspielige Periode der „Aptierung44, der sogenannten „Zwischenverwaltung44, vorangehen muß, die das Land, die Gebäude und die Siedler selbst so vorbereitet und herrichtet, daß sie wirtschaftlich bestehen können. Auch diese Last hat in Palästina mangels eines Staates mit seiner Steuergewalt die national-jüdische Bewegung neben all den anderen Lasten der Bodenbeschaffung usw., auf sich zu nehmen. Hier werden die in Palästina fast spontan entstandenen Arbeiterokkupationsgenossenschaften ein reiches Feld der Betätigung finden. Wie sollen nun die Einzelsiedlungen eingerichtet werden? Zunächst ist das zu vermeiden, was 0. mit falscher Anwendung des landläufigen Ausdruckes als „Monokultur44 bezeichnet. Man versteht darunter die Einstellung einer Wirtschaft auf ein einziges Produkt, z. B. Weizen. 0. versteht aber darunter eine gewisse Einseitigkeit: „Weder reiner Ackerbau allein, noch ausschließlich Pflanzungen dürfen die Grundlage kolonistischer Betriebe bilden.44 Das Ziel muß unter allen Umständen die „gemischte Wirtschaft44 sein, Pflanzungen ergänzt durch Ackerbau, Viehzucht, Gemüsebau usw., Ackerbau ergänzt durch Viehzucht, Milch-