Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Soziologische Tagebuchblätter
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
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202 Nachteil, daß. es fremdstämmige Arbeiter in großer Zahl in die Siedlung hineinzieht. Dem aber widerstreitet die Absicht der ganzen Anlage, denn nicht der Besitz, sondern nur die Arbeit nationalisiert ein Land. Was wir von den technischen Errungenschaften der philanthropischen Kolonisation vor allem zu übernehmen haben, ist die Planmäßigkeit der ganzen Ansiedlung. Die eigentümlichen Verhältnisse des Landes und der jüdischen Bevölkerung zwingen dazu, die Siedlungen sofort in einer ziemlich bedeutenden Mindestgröße anzulegen. Weniger als 1Q0 landwirtschaftliche Familien — zu denen dann noch eine stattliche Anzahl von Handwerkern, Kaufleuten, Angehörigen freier Berufe usw. treten werden — sind kaum imstande, die bedeutenden Lasten zu tragen, die der polizeiliche Schutz der Siedlung, den der ßtvnxt hier nicht leistet, und den die Versorgung mit Unterricht, die Befriedigung der konfessionellen Bedürfnisse, die ärztliche Hilfe und anderes verursachen. Nur Kolonien von solcher Größe und Leistungsfähigkeit können dem Werke der jüdisch-nationalen Kolonisation dienen, die gegründet sein muß „erstens auf die Erwerbung des Bodens durch jüdische Institutionen, zweitens auf die Heranziehung jüdischer Arbeitskraft, drittens auf die Sicherung des national-kulturellen Interesses und viertens auf die Heranziehung jüdischer Kapitalien" (S, 14). Um die beste Methode solcher planvollen Siedlungspolitik aufzufinden, studiert 0. die moderne Methode der inneren Kolonisation bei den einzelnen europäischen Völkern, namentlich in Preußen, den skandinavischen Staaten, England und Holland. Die Skizze, die er davon entwirft, ist nicht vollständig und erhebt auch nicht den Anspruch, es zu sein. Immerhin mag angemerkt werden, daß 0. für Preußen nur von der Tätigkeit der Ansiedlungskommission, nicht aber von der gleichlaufenden und ungefähr gleichausgedehnten Tätigkeit der Generalkommissionen berichtet, und daß er von den geradezu großartigen Leistungen des Mecklenburgischen Dominiums schweigt. Ein wenig' bedenklicher ist, daß er von der einigermaßen andersgearteten inneren Kolonisation in Italien, Rumänien, Tunesien, Neu-Seeland usw. gar nicht spricht, obgleich hier die allgemein klimatischen und bevölkerungspolitischen Verhältnisse denen Palästinas ähnlicher sind als in Nordeuropa. Dadurch ist das Bild ein wenig einseitig geworden; es erscheint etwas stark zugunsten des Klein- und Mittelbetriebes gefärbt, den 0. offenbar als den empfehlenswertesten, wenn nicht den einzig möglichen Betrieb anschaut. Bei Berücksichtigung der Erfahrungen aus den eben genannten Ländern würde er der genossenschaftlichen Initiative, die sich dort in Okkupations- und Betriebsgenossenschaften vielfach sehr bewährt hat, ein wenig mehr haben zubilligen müssen. Ich will hier sofort vorgreifend bemerken, daß Genossenschaften, namentlich in der Okkupation, in der Regel mit viel geringeren Mitteln auskommen als Einzelsiedler. Schon Sismondi hat in seinen Etudes seinem Erstaunen darüber Ausdruck gegeben, in wie erstaunlich kurzer Zeit genossenschaftlich verbundene kapitallose Arbeiter das „Kapital'1 zu bilden imstande sind, das nach der Meinung der bürgerlichen Ökonomik hätte vorhanden sein müssen, ehe sie überhaupt hätten ans Werk gehen können. Es waren