Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 200 (sequence 3)
- Language
- German
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200 schränkt es ein durch seinen Verstand. „Ferner kann unsere Seele Gott denken und ihn in Gedanken schauen; und dazu kann sie ein ewiges Leben denken." Das Schauen mithin erkennt er nur an im Denken und im Gedanken. Der Verstand bleibt die Urkraft, die allein den Glauben schaffen und ihm gebieten kann. Und es ist ferner bedeutsam, wie dieser naive Rationalist die idealistische Kraft der Vernunft schon zu ermessen vermag*. ,jUnd Gott hat ihr nicht umsonst diesen Gedanken gegeben, so hat er ihr auch die Erfüllung gegeben" (ib.). Als diese Erfüllung betrachet er „nach unserem Tode noch ein anderes Leben und eine andere vollkommene Gerechtigkeit" (ib.). Das ewige Leben ist mithin erstlich die Erfüllung des Gedankens, den Gott in uns gelegt hat. Der Gedanke erfordert die Erfüllung. Das Denken verbürgt die Realität des Gedachten. So führt der Idealismus den naiven Rationalismus aus. Aber es ist außer diesem theoretischen Idealismus auch die Konsequenz für den ethischen zu beachten, daß dieser sittliche Rationalist das andere Leben als „eine andere vollkommene Gerechtigkeit" fordert. Das ewige Leben wird zu einer Forderung der Gerechtigkeit. Von der irdischen Gerechtigkeit ist der Verstand nicht befriedigt; daher erdenkt er die andere Welt, als die Erfüllung der von ihm gedachten Gerechtigkeit. Es ist also doch nicht allein das Gebet, durch welches sich neben der Menschenliebe das sittliche Bewußtsein erweist, sondern die Menschenliebe prägt sich als Gerechtigkeit aus. Der Verstand wird auch in der Liebe mächtig, und diese Verstandesmacht der Liebe ist die sittliche Gerechtigkeit. „Alle Menschen sind gleich vor Gott, und alle sind seine vernünftige Kreatur" (S. 16). Mit diesem Gedanken bestreitet er die Erwählung Israels, die er nicht als einen geschichtlichen Beruf versteht; denn er erkennt keinen geschichtlichen Beruf für die Entdeckung und Verbreitung der Gotteserkenntnis an, weder bei den Juden, noch bei den Christen, noch bei den Mohammedanern, oder den Indern. „Ja, die Christen sind auch nicht einmal unter sich einig; sondern die Franken sprechen zu uns: ,Dio Lehre Gottes ist nicht bei euch, sondern bef uns ist sie4, und wir sprechen ebenso" (ib.). „Der Verstand aller Menschen weiß, daß dies alles, wras wir sehen, geschaffen ist, und daß ein Geschaffenes nicht ohne einen Schöpfer sein kann . . . aber wenn wir über die Glaubensbekenntnisse, die die Menschen gelehrt haben, nachforschen, so sehen wir, daß sie sich darin nicht einig sind, weil in ihnen Wahres mit Falschem gemischt ist" (S. 17). Indessen zeigt dieser Rationalist eine Übereinstimmung, für die Erdmann einen geschichtlichen Zusammenhang annimmt, mit den Vorläufern des Rationalismus, die bis in das zwölfte Jahrhundert zurückreichen. So hält auch er an dem Unterschied zwischen dem Ursprung und der Ausbildung des Christentums fest. „Doch um die Wahrheit zu sagen: dieser Christenglaube, wie er zur Zeit des Evangeliums eingesetzt war, war nicht schlecht" (S. 17). In diesem Ausdruck dürfte die einzige Spur eines historischen Gedankens bei diesem einsamen Denker zu finden sein. Aber auch hier versagt die Einsicht gegenüber dem Alten Testament, insofern er den Christenglauben als „nicht schlecht" dadurch begründet: