Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 199 (sequence 2)
- Language
- German
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199 betete und noch bete, war folgendermaßen" (S. 25). „Ich betete jeden Tagmit offenem Herzen im Psalter Davids; denn dies Gebet frommt mir gar sehr, und es erhebt meinen Sinn zu Gott. Und wenn ich im Psalter Davids etwas fand, das nicht mit meinem Verstände übereinstimmte, so legte ich es aus und machte es mit meiner Erkenntnis übereinstimmend, und alles erschien mir gut" (S. 24). Das Gebet vereinigt sonach den Verstand und das Herz im Menschen. „Dies alles lehrt uns unser Verstand, den unser Schöpfer in das Herz des Menschen gelegt hat" (S. 22). Daher „müssen wir immer beten; denn die vernünftige Kreatur bedarf dessen" (ib.). So verbindet das Gebet ebenso, wie der Verstand, den Menschen mit seinem Schöpfer und Behüter. Die Schrift führt nun in einzelnen Versen 30 Psalmen an und dazu noch sieben andere Stellen aus dem Alten Testament; aus den Neuen fünf, auch diese aber teilweise als Parallelstellen zum Alten. Sein Kampf gegen das Mönchtum und die Herabsetzung der Ehe läßt ihn die hygienische Bedeutung der sexuellen hygienischen Gesetze im Pentateuch verkennen. Und sein Kampf gegen das Fasten bringt ihn auch zum Widerspruch gegen alle Feste; und daraus wird auch sein Mißverständnis des Sabbatgebotes erklärlich. „Und weiter enthalten auch die zehn Gebote des Alten Testaments den Willen des Schöpfers mit Ausnahme des Sabbat; denn über die Heiligung des Sabbats schweigt unsere Vernunft" (S. 20). Dennoch sagt er vorher: „der Wille des Schöpfers aber tut sich kund in diesem kurzen Satze des Verstandes, der zu uns spricht: verehre Gott, deinen Schöpfer, und liebe alle Menschen, wie dich selbst". Es ist zunächst beachtenswert, daß er bei Gott die Verehrung, beim Menschen die Liebe setzt. Er hat aber beim Sabbatgesetze die Begrün-' dung im Deuteronomium übersehen: „auf daß dein Knecht und deine Magd ruhe, wie du selbst". Und er hat in seiner Höhle, in die er sieh, von den Mensehen verfolgt, auf Jahre zurückzog, nicht erkannt, daß das Sabbatgesetz, welches dem arbeitenden Volke einen festen Ruhetag in jeder Woche schaffte, das erste und wichtigste Gesetz der wahrhaften allgemeinen Menschenliebe ist, mit welchem die mosaische Lehre die Kultur weit erobert hat Mit seinem Gebete bemächtigt sich die Vernunft dieses Denkers seines Gottes; mit seiner Menschenliebe seiner Mitmenschen. Sein Gebet und seine Liebe sind die Waffen seines Verstandes, gegen dessen Urkraft ihm keine Zweifel aufkommen. Der Zweifel am Verstände wäre der Zweifel an Gott, „der sich den Menschen durch das Licht ihres Verstandes offenbart hat" (S. 20). Der Verstand also ist es, der Gott offenbart, durch den sich Gott offenbart. Und durch den Verstand wird mit dem Schöpfer auch die Schöpfung offenbart. „Das Gesetzder Schöpfung aber ist offenbar: denn unser Verstand kündet es uns klärlich, wenn wir es suchen." „Allein die Menschen wollen nicht forschen, sondern glauben eher an die Worte der Menschen, als daß sie den Willen jhres Schöpfers in Gerechtigkeit suchen" (ib.). Gerechtigkeit ist Gottes Wille. Unser Rationalist verwirft mithin nicht allein die Urkunden der Offenbarimg, sondern auch alle subjektiven Mittel des Bewußtseins außer dem Verstände. Er kennt das sogenannte Sehauen, aber er