Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Chawe
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 197 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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197 sondern sie sich voneinander ab und wollen einander nicht einmal anschauen,so als ob Gott nur die einen,die andern aber weranderer erschaffen hätte?... Und es verdrießt mich, daß ich mich nicht so gut wie andere Leute in den heiligen Büchern auskenne, um gleich alle Gründe, Einwände und Beweise zur Hand zu haben... Und um meine Gedanken zu zerstreuen, stimme ich laut den Psalm an: „Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar!" Ich spreche also das Nachmittagsgebet, laut und inbrünstig, wie Gott es geboten hat. Doch was kann aus solchem Beten herauskommen, wenn mir tief im Herzen ganz andere Worte klingen: „Cha-we! Cha-we!"? Und je lauter ich den Psalm aufsage, desto lauter klingt in meinem Innersten das eine Wort „Chawel" Und je mehr ich mir Mühe gebe, sie zu vergessen, desto deutlicher sehe ich sie,' wie sie vor mir steht und mir ruft: „Höre mich an, Vater. . ." Und ich verstopfe mir die Ohren, um sie nicht zu hören, und schließe die Augen, um sie nicht zu sehen. Und ich spreche das Gebet der Achtzehn Segenssprüche und weiß nicht, was ich spreche; und ich sage das Bußgebet auf und schlag mich in die Brust, und weiß nicht wofür. Und mein Leben ist verwirrt, und auch ich selbst bin verwirrt, und ich sage keinem Menschen etwas von der Begegnung, und spreche mit niemandem über sie, und erkundige mich niemals nach ihr; obwohl ich weiß, ganz genau weiß, wo sie ist, und wo er ist, und was sie treiben; doch das erfahrt von mir niemand! Meine Feinde werden es nicht erleben, daß ich mich auch nur einmal beklage: so ein Mensch ist Tewje! . . . Ich möchte wirklich gerne wissen, ob alle Männer so sind, oder ob ich allein so verrückt bin?! Denn es kommt zum Beispiel vor. . . Ihr werdet wohl über mich lachen? Ich fürchte, daß Ihr schon lacht! — Es kommt vor, daß ich meinen Sabbatrock anziehe, zum Bahnhof gehe und schon bereit bin, hinzufahren: ich weiß ja ganz gut, wo sie sich aufhalten. . . Und ich gehe zum Schalter und verlange eine Fahrkarte. Fragt mich der Beamte: „Wohin?" Sage ich: „Nach Jehupez!" Sagt er: „Eine solche Stadt gibt's bei mir nicht." Sag ich: „Dafür kann ich nichts." Und ich gehe wieder nach Hause, ziehe den Sabbatrock aus und gehe wieder an meine Arbeit, schaue nach der Milchwirtschaft und nach meinem Pferde. . . Wie es in der Schrift heißt: „Jedermann an seine Arbeit, und