Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Chawe
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 196 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908698-2909237--0342-2909276- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
196 Ich mich umsehe, hält sie schon das Pferd am Zaume fest und sagt mir: „Vater! Ich sterbe, wenn du dich von der Stelle rührst! Willst du, daß ich sterbe? Vater, höre mich an!a — „So," sage ich mir, „du willst mich mit Gewalt zwingen? Nein, meine Liebe, das gibt's nicht! Du kennst wohl deinen Vater schlecht. . ." Und ich haue auf mein Pferd ein mit aller Kraft. Der Gaul gehorcht, zieht an, läuft im Galopp, wendet aber immer den Kopf zurück und bewegt die Ohren. „Hü!* sag ich ihm: „Hü! Schiele nicht, Freundchen, dorthin, wohin man nicht schauen darf! . . .* Glaubt Ihr vielleicht, ich selbst hatte keine Lust, den Kopf zu wenden und einen Blick, nur einen einzigen Blick dorthin zu werfen, wo sie gestanden hatte?! Aber Tewje ist kein Weib, Tewje weiß, wie man mit dem Blendwerk des Teufels umgehen muß! Kurz und gut — ich will Euch Eure Zeit nicht rauben. Wenn mir Strafen auf jener Welt bestimmt sind, so habe ich sie doch gewiß schon hier abgebüßt; und wenn Ihr etwas über die Hölle und ihre Schrecken wissen wollt, so fragt nur mich: ich kann Euch alles genau sagen. Und während der ganzen Fahrt bis nach Hause schien es mir, daß sie mir nachläuft und ruft: „Vater, hör mich an!" Und es geht mir durch den Kopf der Gedanke: „Tewje! Du nimmst auf dich zuviel! Was wird es dir schaden, wenn du eine Weile hältst und sie anhörst? Vielleicht hat sie dir etwas zu sagen, was du wissen mußt? Vielleicht hat sie gar Reue und will zurückkehren? Vielleicht hat sie es bei ihm schlecht und will, daß du sie aus der Hölle rettest? . . .* — „Vielleicht* und „vielleicht", und noch viele solche „Vielleicht" gehen mir durch den Kopf, und ich sehe sie vor mir wieder als kleines Kind, und ich denke wieder an den Vers: „Der Vater erbarmt sich seiner Kinder"; für den Vater ist kein Kind zu schlecht; und ich quäle mich und ich sage mir, daß ich selbst keine Gnade verdiene, daß ich nicht wert bin, daß mich die Erde noch trägt. Was hast du nur? Was regst du dich so auf, du verrückter Starrkopf? Was wütest du? Wende um, du böser Mensch, den Wagen, fahre zurück und versöhne dich mit ihr! Denn sie ist ja dein Kind, und du bist ihr Vater! . . Und es kommen mir in den Kopf so wilde Gedanken und Fragen: Was bedeutet Jude und Nichtjude? Und warum hat Gott Juden und Nichtjuden erschaffen? Und wenn der gleiche Gott sie erschaffen hat, warum