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Neue jüdische Monatshefte · 1917-01-10 · Heft 7 (10.1.1917) · p. Seite 195

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 7 (10.1.1917)
Article
Chawe
Date
1917-01-10
Page
Seite 195 (sequence 6)
Language
German
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195 und ihre Gestalt, schlank und schön und frisch wie eine junge Tanne. Oder ich sehe sie gar als kleines Kind, als armseliges, krankes Vögelchen, wie ich sie auf den Händen trage, und sie ihr Köpfchen an meine Schulter lehnt: „Was willst du, Chawele? Willst du Milch?~~Soll ich dir was Süßes geben?a ... Und ich vergesse für eine Weile, was sie uns angetan hat, und mein Herz sehnt sich nach ihr und meine Seele schreit nach ihr . .. Doch erinnere ich mich wieder an alles, was geschehen, so kocht in mir von neuem das Blut, und ein Zorn brennt mir im Herzen auf sie, und auf ihn, und auf die ganze Welt, und auf mich selbst, weil ich sie für keinen Augenblick vergessen kann, weil ich sie nicht auslöschen, sie mir aus dem Herzen nicht reißen kann. Und wirklich: hat sie es denn nicht verdient? Dazu rackert sich Tewje sein ganzes Leben ab, dazu arbeitet er und plagt sich und zieht Kinder groß, damit sie sich von ihm gewaltsam losreißen, von ihm abfallen wie Tannenzapfen von der Tanne und sich vom Winde treiben lassen? ... Da wächst — sag ich mir — zum Beispiel ein Baum, eine Eiche im Walde. Und es kommt ein Mensch mit einer Axt und hackt einen Ast ab, und noch einen Ast, und noch einen Ast — was für einen Wert hat dann der Baum ohne Äste? Nimm schon lieber, du Mensch, deine Axt und falle den ganzen Baum, damit es ein Ende hat. Denn was taugt noch der astlose, nackte Baum im Walde? Und wie ich mir solches denke, merke ich plötzlich, daß mein Pferdchen stehengeblieben ist. Was ist los? Ich hebe meinen Kopf und sehe — Chawe! Es ist dieselbe Chawe wie früher, hat sich um kein Haar verändert, hat sogar noch dieselben Kleider an! . . Im ersten Augenblick will ich aus dem Wagen springen und sie umarmen und küssen. . . Doch ich sage mir: „Tewje! Bist doch kein Weib!" Und ich treibe das Pferd an. Doch wie ich nach rechts will, steht sie auch schon rechts und winkt mit der Hand, als ob sie sagen wollte: „Halt eine Weile, ich muß dir etwas sagen!" Und es zuckt mir etwas im Herzen, und ich stecke schon einen Fuß aus dem Wagen: noch einen Augenblick, und ich springe heraus! Doch ich beherrsche mich, ziehe die Zügel an und will nach links. Und schon steht auch sie links, blickt mich so merkwürdig an, und ihr Gesicht ist leichenblaß. . . „Was soll ich tun?" frage ich mich: „Soll ich halten, soll ich weiter fahren?" Und ehe

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