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Neue jüdische Monatshefte · 1917-01-10 · Heft 7 (10.1.1917) · p. Seite 194

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 7 (10.1.1917)
Article
Chawe
Date
1917-01-10
Page
Seite 194 (sequence 5)
Language
German
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194 nimmt sich nicht selbst das Leben, so ist es nicht umsonst. Es gibt keine solche Wunde in der Welt, die mit der Zeit nicht verheilt; es gibt kein solches Unglück, das man nicht vergißt. Das heißt, man vergißt es eigentlich nie, doch was soll man tun? In den Psalmen heißt es: „Der Mensch gleicht dem Vieh/4 Der Mensch muß also arbeiten, sich abrackern und plagen wegen des Stückchens Brot. Also machen wir uns alle an die Arbeit: mein Weib und die Kinder — an die Milchkrüge und ich — an das Pferd und das Wägelchen, und die Welt geht wieder ihren Lauf. Ich habe meinen Leuten erklärt, daß Chawes Namen überhaupt nicht mehr genannt werden darf—es gibt keine Chawe mehrl Ausgelöscht und fertig! Und ich lade auf mein Wägelchen etwas Milch, Butter, Topfen — lauter frische Ware — und fahre in die Sommerfrische Bojberik zu meinen alten Kunden. In Bojberik empfängt man mich mit großen Freuden: „Wie geht es, Tewje? Warum sieht man Euch nicht? Was macht Ihr?" — „Was soll ich machen?* antwortete ich: „Im KlageliedeJeremias' steht: ,Verneue unsere Tage wie vor alters4, und ich bin derselbe Pechvogel wie vor alters. Eine Kuh ist mir wieder eingegangen." — „Wie kommt das," sagen die Leute: „daß alle solche Wunder gerade Euch geschehen?" Und die Leute fragen mich aus, jeder einzelne kommt mit denselben Fragen: Welche Kuh ist bei mir eingegangen? Und wieviel hat sie gekostet? Und wieviel Kühe sind mir noch geblieben? Und man lacht und ist lustig: die reichen Leute lachen gern über einen armen Teufel, wenn sie eben zu Mittag gegessen haben und gut aufgelegt sind, und es draußen schön und grün ist, und man etwas schläfrig wird .., Tewje ist aber kein Mensch, der mit sich Scherz treiben läßt. So leicht erfahrt man nicht, was bei mir im Herzen vorgeht. Und wie ich mit allen Kunden fertig bin, fahre ich heim. Ich fahre durch den Wald, und lasse mein Pferdchen langsam gehen und unterwegs etwas Gras rupfen, und ich selbst vertiefe mich in meine Gedanken und grüble über alles Mögliche: über Leben und Tod, über diese und jene Welt, und was die Welt eigentlich ist, und wozu der Mensch lebt; und ich überlege mir tausend ähnliche Dinge, um meine Gedanken zu zerstreuen, und an sie, an Chawe nicht zu denken. Doch wie zum Trotz kommt sie mir immer wieder in den Sinn: ich denke nur an sie und sehe nur sie

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