Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Chawe
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 193 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908698-2909237--0339-2909273- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
193 nicht mehr. Sage ich ihr: „Steh auf, mein Weib,* sag ich, „zieh deine Schuhe aus, und wollen wir uns hinsetzen auf niedere Schemel, zum Zeichen der Trauer, wie es uns Gott geboten hat. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen ... Wir sind nicht die ersten und nicht die letzten, denen so etwas geschieht. Denken wir uns/' sage ich, „daß wir überhaupt keine Tochter Chawe gehabt haben, oder daß wir sie wie Hödel, die von uns weg ist und jetzt irgendwo in den Bergen der ewigen Finsternis lebt, niemals wiedersehen .... Der Herr", sag ich, „ist ein gnädiger und barmherziger Gott, und er weiß, was er tut!.. .* Mit solchen Worten will ich mir das Herz erleichtern, doch ich fühle, wie die Tränen mich würgen, wie sie mir wie ein verschlucktes Bein in der Kehle stecken. Aber Tewje ist kein Weib, Tewje kann sich beherrschen! Das sind natürlich nur leere Worte; denn erstens — die Schande! Und zweitens — wie kann man sich beherrschen, wenn man ein lebendiges Kind verliert, und dazu noch eine solche Perle, die mir so tief im Herzen lag und auch der Mutter im Herzen, die wir beinahe mehr als alle anderen Kinder liebten; ich weiß nicht warum: vielleicht weil sie als Kind so oft krank gewesen ist, und wir an ihrem Bettchen viele Nächte durchwacht haben, sie mehr als einmal mit unserem Schreien dem Tode entrissen, mit unserer Pflege und Sorge wie ein kleines, zertretenes Hühnchen zum Leben wiedererweckt haben; denn wenn Gott will, macht er Tote lebendig, wie es auch in den Psalmen heißt: „Ich werde nicht sterben, sondern leben!" — Wem der Tod nicht beschert ist, stirbt eben nicht!... Und vielleicht auch darum, weil sie ein gutes Kind war, ein treues Kind und an uns beiden immer mit ihrer ganzen Seele hing. Kann man ' doch fragen: wenn so, warum hat sie uns das angetan? Nun, es war uns eben so beschert; ich weiß nicht, ob Ihr daran glaubt, aber ich glaube sehr stark an die himmlische Vorausbestimmung. Und zweitens war hier eine böse Macht im Spiele, eine Art Zauberei! Ihr könnt über mich lachen, doch ich versichere Euch, ich bin gar nicht so dumm, daß ich an Teufel, Dämonen oder ähnlichen Unsinn glauben soll; doch an Zauberei, seht Ihr, glaube ich. Was ist es denn anderes gewesen als Zauberei? V/enn Ihr mich weiter hört, werdet Ihr auch dasselbe sagen ... Kurz und gut'— wenn es in den heiligen Büchern geschrieben steht: „Du bist gezwungen zu leben", d. h. ein Mensch