Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Babylon - Bagdad
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
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187 Unterricht, es sei denn, daß die Verhältnisse ihrer Eltern gestatten, ein Schulgeld von 8 bis 5 Piaster (etwa 0,60 bis 1,20 M.) im Monat zu zahlen. Alle Kinder zeichnen sich durch eine im Orient und in Bagdad ganz besonders auffallende Sauberkeit aus. Ordnung und Disziplin herrschen auch unter den Kleinsten, und wenn sich der Lehrplan auch dem Alter und Stande der notwendigerweise durcheinandergewürfelten Kinder, sowie dem Klima anpassen muß, das keine dauernde geistigo Anstrengung gerade der Kinder ohne Schaden für die Entwicklung erlaubt, sondern ein ruhiges aber deshalb um so gründlicheres Erfassen einfacher Wissensgegenstiinde begünstigt, so scheint doch das Curriculum auch für diese Anfangsschule erstaunlich zu sein. Die Kinder von 8, 9 Jahren, Knaben und Mädchen gemischt, lasen ohne jede Stockung Türkisch, Arabisch und Hebräisch. Im Rechnen mit türkischen wie mit unseren Zahlenzeichen zeigten alle Kinder ausgezeichnete Fertigkeit. Viel Wert schien auf gute Vortragsweise gelegt zu werden. Mit Ausdruck und Hingabe deklamierten die Kinder einzeln und zusammen Gedichte in den verschiedenen Sprachen, die ihnen schon in diesem Alter zur Verfügung stehen. Damit aber auch der Humor zu seinem Rechte komme, trugen die Aufgeweckteren in Rede und Gegenrede kleine Szenen aus dem Leben vor, deren Kern irgendein Sprichwort, irgendeine Weisheit war. Besonders gut schien den Kleinen ein Vergleich ihrer „Ganu genannten Schule mit dem wirklichen „Ganu, dem Garten, zu gefallen, in dem ein Mädchen alle Kinder mit Blumen verglich, die in der Schule gepflegt, gehegt und erzogen würden, während ein Knabe lahmer und lahmer werdende Einwände zugunsten unbehinderten Spieles im Freien vorbrachte. Und in beiden Schulhäusern war es eine Freude, die hohe Gestalt des „Schulvaters", Herrn Menahem Salehs, unter seinen vielen Kindern zu sehen. Die meisten kannte er bei Namen, und für jedes, das ihn) nahe kam, hatte er einen freundlichen Blick, ein gütiges Wort i Doch all diesen Kindern, bis zu den schon älteren Knaben der höheren Schule, die die „Alliance Israölite" unterhält, stand der Einfluß des 'Klimas auf der Stirn geschrieben. Allerdings fiel mein Besuch gerade in die heißeste Zeit des Jahres. Immerhin muß diesem Einfluß Rechnung getragen werden. Ein „Lernen" im Sinne der auf unseren Schulen gepflegten Pädagogik würde hier nie am Platze sein. Doch bei der ausgesprochenen, fast übergroßen Lebhaftigkeit des Geistes, den» schnellen Fassungsvermögen dieser Kinder, ist es die Aufgabe des Lehrers, nicht so sehr Kenntnisse zu vermitteln, als das geistige Verarbeiten des dargebotenen Stoffes zu vertiefen und zu verlangsamen. Es muß stets darauf Rücksicht genommen werden, die Kräfte nicht zu ermüden, damit nicht eine plötzliche Erschlaffung des Organismus, die gerade in den heißen Ländern des Orient» nur zu leicht eintritt, jede Lernfreudigkeit unterbinde. Und gerade dieser Forderung trägt die leider durchgängig angewendete ausgesprochen französische Unterrichtsmethode am wenigsten Rechnung. Sie bietet, bis in die obersten Klassen, vornehmlich eine mehr oder weniger heterogene Sammlung von Tatsachen, noch dazu auf das spezifisch französische Staatsideal zuge-