Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Babylon - Bagdad
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
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186 Doch diese Einzelnen sind nicht so selten unter den Nachkommen jener Exilierten aus Israel. Einer besonders, der schon wegen seiner Mitarbeit an dem Bau der großen jüdischen Knabenschule erwähnte Herr Menahem Saleh Daniell, tritt besonders hervor. Seine hohe, vom Alter nur leicht gebeugte, volle Gestalt, sein scharf geschnittenes Gesicht, die kluge Stirn und zwei blaue, gütige Augen nehmen schon beim ersten Anblick für ihn ein. Freundliche Würde und eine zurückhaltende Weisheit drücken seinem herzgewinnenden Wesen ihren Stempel auf. Seine Persönlichkeit macht es leicht verständlich, wie es gekommen ist, daß die Vornehmen aus Israel, die nach Babylon übersiedelt wurden und ihre im Irak unvermischt gebliebenen Nachkommen ständig so großen, wenn auch verborgenen Einfluß auf die kulturellen Strömungen jeder Zeitepoche in diesem Lande ausgeübt haben. Ein Großgrundbesitzer größten Maßstabs, lebt Herr Menahem Saleh, unter welchem Namen er überall in der Stadt bekannt ist, nur der Arbeit, die ihm die Verwaltung seiner Güter, die Verwertung ihrer Erzeugnisse, die Angelegenheiten und Sorgen seiner Pächter und Angestellten bringt. In seinem großen Hause am Flußufer, nahe am Basar und unweit der Brücke, empfängt er vom frühen Morgen, an einem kleinen Tische sitzend, zahllose Besuche. Jeder holt sich bei ihm Rat. Doch auch in den Angelegenheiten des öffentlichen Lebens ist seine Hilfe und seine lange Erfahrung überall willkommen. Dieser Patriarch der Stadt Bagdad im weißen europäischen Tropenanzuge wird von Muhammedanern, Christen und Juden gleich geehrt, was auch darin seinen Ausdruck fand, daß er während der letzten Legislaturperiode dem türkischen Parlament in Konstantinopel als Vertreter seiner Stadt angehörte. Erst sein zunehmendes, wenn auch durchaus noch immer rüstiges Alter veranlaßte ihn, dieses Amt niederzulegen. Sein Nachfolger, der gewinnende, kluge Herr Sassun Eskell, der fließend die deutsche Sprache beherrscht, stammt ebenfalls aus den Kreisen der Israeliten Bagdads. Von einem Manne, wie Herrn M. S. Daniell, kann es nicht wundernehmen, daß er überall, wo es zu helfen gilt, an erster Stelle steht. Und nicht nur seine weiten Reisen nach Indien und Europa haben ihn dazu gedrängt, gerade die Frage der Volksbildung in seiner Heimat zu fördern, sein Herz selbst ist in dieser Arbeit. Nirgends tritt dies besser und klarer hervor, als wenn er, inmitten seiner eigenen Schulen, seines „Gan" (Garten), wie diese Schulen heißen, steht. Denn Herr M. S. Daniell unterhält gleich zwei Schulen aus seiner eigenen Tasche, Schulen für die ärmsten seiner Mitbürger, in denen er über die Hälfte der Kinder sogar über Tage beköstigt. In einer der schmutzigen engen Seitengassen des Basar — andere ^ibt es nicht — hat er zwei geräumige Häuser gemietet. Peinlichste Sauberkeit verleiht den weiten Höfen und den nach der Hofveranda hin offenen Schulräumen einen wohltuenden, freundlichen Ausdruck. In dem ersten Hause werden 250 Kinder in 5 Klassen von eingeborenen , jüdischen Lehrerinnen unterrichtet, und in dem zweiten finden etwa* 200 weitere Platz. Kinder von 4 bis 10 Jahren erhalten hier kostenlos