Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Die Wiederaufrichtung Polens und die Freiheitsbestrebungen der Juden
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 183 (sequence 7)
- Language
- German
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163 Aber wir sind immer noch ein Volk von Träumern und wir träumen — auch angesichts der harten Lehren der Wirklichkeit — von bürgerlicher, politischer und nationaler Gleichberechtigung in Polen. Indem wir vom politischen Gesichtskreise aus uns im neuen Staate als Polen bekennen wollen, wollen wir dem Durchbruch der Staatsidee, der Sicherung der Reichsgrenzen und auch der Ausbreitung polnischer Kultur, von deren Erhabenheit wir erfüllt sind, die nötigen Dienste leisten; national jedoch wollen wir hierbei nicht mehr als Söldlinge und Knappen polnischer Ehr' und Wehr auftreten, die die Freiheitsideale ihres Volkes als Dünger für fremde Freiheit hergeben, sondern als vom Triebe der Volkskraft geleitete, ihrer Nationalwürde bewußte Männer. Seit Beginn des Krieges wütet der Sturm der Verwüstung über den Köpfen des galizischen Judentums. Die jüdischen Städte sind eingeäschert, alle sind verödet, viele haben im Laufe von über zwei Jahren mehrmals ihre „Herrscher" gewechselt. Das jüdische Bürgertum, das „von verschwundener Pracht'4 zumeist nichts als die Erinnerung gerettet hat, macht sich, in den Flüchtlingsbaracken zusammengepfercht, beizeiten den Bettelstab zurecht, während der andere Teil, der in den alten Wohnorten zurückgeblieben ist, an Ort und Stelle alle Greuel der strategischen Operationen — wenn nicht der brutalen Verschleppung — durchmacht. Und diese zukunftslosen, an der Judennot und der Kriegstragik zerbrochenen Menschen denken unter Hunger und Not, Qual und Pein an die Zukunft ihres Volkes. Ähnlich befand sich das Judentum in den okkupierten polnischen Provinzen —• bis zu deren Besetzung seitens der Mittelmächte — wie unter dem Seziermesser der eigenen „Regierung14, die am Organismus des jüdischen Volkes allerhand Eingriffe mit unbarmherziger Rücksichtslosigkeit vollzog. Und diese verprügelten jüdischen Massen strecken, kaum daß sie — dank den deutschen und österreichischen Heereserfolgen '— freien Atem holen und freies Wort sprechen dürfen, ihre in Knechtschaft halberstarrten Glieder den Strahlen der Zionssonne entgegen; und die jüdisch-nationale Bewegung, die dort erst in den letzten Monaten zu solchem Aufstieg gelangt ist, die Entstehung von Vereinen, hebräischen Schulen und Kursen, endlich die Konferenz in Warschau, an der graubärtige Greise mit temperamentvollen Jünglingen an Begeisterung und Zionsliebe wetteiferten — sind ein lebhafter Protest gegen alle diejenigen, die da hofften, im Wirbelstrom Europas den Namen Israels streichen zu können aus der Liste der lebenden Nationen. ... ,Die Bande der nationalen Zusammengehörigkeit wollen wir im neuen Polenreiehe festigen, und deshalb fordern wir, daß uns anläßlich der Rechtsgestaltung Polens unsere nationalen Rechte gewährt und gewährleistet werden. Mag die Rechtsbasis der nationalen Autonomie auf diese oder jene Weise: nach dem Grundsatz des Personalitätssystems oder der Vereinigung dieses letzteren mit dem Territorialitätsprinzip ausgebaut werden; dies eine steht fest, daß wir uns nicht nur auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete auf Grund