Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Die Wiederaufrichtung Polens und die Freiheitsbestrebungen der Juden
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
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182bevölkerung 40 %, in Lodz etwas weniger als 39 %, im Lubliner Gouvernement (232 000 Juden) 14,6%, im industriereichsten Gouvernement Petrikau 16,2 %. Außerdem haben die Juden einen nicht geringen Anteil der den Reichtum Polens mächtig beeinflussenden Industriezweige in Händen, wie die Textilindustrie in Lodz, Zuckerindustrie in Warschau, Kohlemndustrie in Dybrowa Gornicza. Es-ist für jeden unvoreingenommenen Politiker klar, daß Bürger, die in einem so hohen Prozentsatz im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung und in kompakten Massen untereinander leben, ferner eine eigene wirtschaftliche Gruppierung und kulturelle Sonderart aufweisen, demgemäß auch in ihrer Gesamtheit als ein politischer Faktor von unermeßlicher Bedeutung für das Wohl und Wehe des Landes einzuschätzen sind. Auch aus der Geschichte Galiziens, dessen wirtschaftlicher Aufstieg in den letzten Jahren nicht in letzter Reihe der Initiative und Handelstüchtigkeit der Juden — trotz der für sie ungünstigen politischen Verhältnisse — zu verdanken ist, könnten die Polen ersehen, welche Erfolge von der Leistungsfähigkeit der Juden — unter Voraussetzung ihrer bedingungslosen rechtlichen Gleichstellung — für das Land, das an seinem wirtschaftlichen Neu- und Umbau noch wird arbeiten müssen, zu erwarten sind. Es wird sich nunmehr zeigen, ob die Repräsentanten des neuen Polens genug staatsmännischen Sinn besitzen, um diese Werte und Eigenschaften, die das jüdische Volk in den neuen Staat mit sich bringt, ihrer Sache nutzbar zu machen; ob sie verstehen werden, die Juden nicht bloß als ergebene Staatsuntertanen auf Grund der mechanischen Ordnung zu beherrschen, sondern sie als treue Mitbürger zufolge freier Entwicklung im ökonomischen und kulturellen Wettbewerb — nicht gegen die Polen, sondern neben ihnen — emporsteigen zu lassen, unc: ob sie dem Judentume, dessen heldenmütige Söhne bewiesen haben, daß sie für Polen zu sterben wissen, die Möglichkeit geben werden, im Staate Polen zw leben. . . . Die mit bewundernswertem Übereifer dem jüdischen Handel in Warschau wie in Lublin auferlegten Fesseln; die Schikaniening der jüdischen Bewerber in Warschau bei Schaffung städtischer Miliz und Anstellung von Magistratsbeamten; die Verweigerung jedweder kommunalen Unterstützung an die jüdischen kulturellen und philantropischen Institutionen; die ungerechte Verteilung der Hilfsgelder unter die konfessionellen Hilfskomitees in Lublin; die dortige Einführung von konfessionellen Lebensmitteliibgabesteilen; endlich die hoch- und losfahrenden Redensarten von H. Ilski und Genossen, die die letzte Budgetsitzung in Warschau als Anlaß nahmen, um den Gerechtigkeitsforderungen der Juden ihren „nationalen Egoismus44, dessen Evangelium in dem einen Satze zusammenzufassen wäre: „Fiat Polonia — pereafc justicia!44, entgegenzustellen: all dies macht den Eindruck, als ob die Herren vom Stadtrate im deutschen wie im österreichischen Okkupationsgebiete — vorderhand die einzigen Repräsentanten polnischer Machtpolitik — die ihren Vorfahren seinerzeit entgegengeschleuderte Zarenphrase: „Point de reveries!u nunmehr den Juden in Erinnerung und — wenn es geht — ihnen gegenüber mich in Anwendung zu bringen sich anschicken würden.