Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Die Wiederaufrichtung Polens und die Freiheitsbestrebungen der Juden
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 181 (sequence 5)
- Language
- German
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•161 Wie ein Auszug aus Heldcnromanen wird es sich einst aus den Kriegsarchiven und den betreffenden Gerichtsakten lesen, wie die Juden in Polen, vorzugsweise in Galizien, durch ihre — sozusagen — Kontraspionage, durch die Ausspähung und Entlarvung von vermummten Landesverrätern, Verbergung unserer Soldaten und Offiziere vor dem tückisch lauernden Kosakenblicke, Beschirmung unserer entflohenen Kriegsgefangenen bei eigener Lebensgefahr, zu den herrliehen Siegen der verbündeten Milchte beigetragen haben; dementsprechend ist auch die Statistik der Desertionsfälle — obgleich bloß in negativer Hinsicht — ein Zeugnis der unverrückbaren Treue der jüdischen Armeeangehörigen, indem sio die verhältnismäßig geringste 7,ahl von Ausreißern jüdischer Herkunft aufweist. Ebensolche Irrungen und Gefahren, ebensolche „lacrimae rerum" waren es auch, unter denen die Juden mitgetan und mitgerungen haben, um den Phönix der polnischen Freiheit aus der Asche der Versunkonheit emporzuheben. Es waren dabei nicht nur beträchtliche Geldsummen und geringe Sparpfennige behilflich, die die Männer der jüdischen „haute finance" und die breiten jüdischen Volksschichten seit Anfang des Krieges an die Legionskasse abführten, um ihr Gold in Eisen gegen den Erbfeind des Polentums umschmieden zu lassen; es sind nicht nur jüdische Literaten und Künstler, die mit den Legionen über die Karpathen gegen — Warschau zogen und die Wundertaten der polnischen Tapferkeit durch Schrift und Pinsel zu verewigen suchten; aber es sind auch zahllose jüdische Legionäre, die mit dem Schwerte in der Hand die Freiheit und die Siege, die aufs Kriegskonto der polnischen Nation gebucht wurden, miterfochten haben; es sind noch heutzutage Hunderte von jüdischen Studenten, viele darunter jüdisch-nationaler Gesinnung (von deren Masseneintritt zu den Legionen in Wlodzimierz Wolynski die polnische Presse seinerzeit berichtete), welche Hand in Hand mit ihren polnischen Kameraden Beweise bringen „polnischer Unerschrockenheit" und „polnischen Mutes" — zwischen Hangen und Bangen, Not und Tod . . . Und diese jüdischen Freiheitsschwärmer, unter denen die Namen eines Schalit, Steinhaus, Stemenschuß und viele andere in den polnischen Zpitungen so sehr gepriesen wurden, waren unstreitig der süßen Hoffnung, daß die Idee der nationalen Gerechtigkeit, unter deren Flaggo sie der Auferstehung Polens ihren Lebenstribut gezahlt haben, mit ihnen zusammen nicht dahinsterben wird. Sollten etwa diejenigen, die das Ruder des polnischen Staatssehiffes zu lenken berufen sind, das Interesse Polens darin sehen, obigo Auffassung Lügen zu strafen und den Juden vielmehr zu beweisen, ihre blutige Teilnahme an der Wiederaufrichtung Polens sei nichts anderes, als ein Tanz — zwischen Schwertern — auf einer „fremden Hochzeit"? Laut „Statistischem Jahrbuch" für 1913 bilden die Juden in Kongreßpolen 13,71 % der allgemeinen Bevölkerung, und zwar entfallen auf eine Bevölkerung von über 12 Millionen Seelen — worunter beinahe 9 Millionen Polen — 1 600 490 Juden. Die Zahl der letzteren in Warschau selbst beträgt über 306 000, sonach im Verhältnisse zur Gesamt-