Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Die Wiederaufrichtung Polens und die Freiheitsbestrebungen der Juden
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
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ISO Unter Kosciuszko im Jahre 1794 kämpft Berek Joselowicz an der Spitze eines jüdischen Regiments, und in die Fußtapfen seines Vaters tritt nach Ausbruch der Novemberrevolution Josef Berkowicz. In der Krakauer Republik im Jahre 1848 ruft die im „Klub zur Förderung der geistigen und materiellen Interessen der Israeliten" tätige jüdische Intelligenz die jüdische Bevölkerung auf, die „edle polnische Nation" in ihren Bestrebungen zu unterstützen und ihr „die Geburtswehen einer besseren Zukunft" zu erleichtern; sie füllt auch selbst dort einen Teil der nationalen Regimenter aus, während in Lemberg — unter der von den Polen geschaffenen Nationalgarde — gleichzeitig eine gesonderte jüdische Kompagnie unter dem Kommando Emanuel Galls sich bildet. In wie weitem Maße wieder im Jahre 1863 die Bauunterlage der so heldenhaft, wenn auch vergebens, angestrebten Unabhängigkeit Polens von jüdischem Blute getränkt ward, bedarf kaum einer Erwähnung. Die Boratungen des ersten autonomen Landtages in Galizien in den sechziger Jahren, die — in Übereinstimmung mit den Debatten des selbständigen Gemeinderates in Lemberg — als unerschöpflicher Born von Judenanfeindungen und Schmähungen sich darstellen, könnten trotz der erhabenen Reden des ersten Präsidenten des österreichischen Reichsrates, Franz Smolka, als Schulbeispiel hierfür dienen, daß der „Wille zur Macht" bei jeder Nation mit dem vor der Machterreichung verkündeten „Willen zur Gerechtigkeit" selten im Einklang steht. Immerhin war der „Wille zur Gerechtigkeit" den Juden als nationaler Gesamtheit gegenüber in den entscheidenden Perioden der polnischen Geschichte stets vorhanden, Heute aber geschieht es zum ersten Male, daß im Moment des höchsten Seelenaufschwunges, den die Polen erleben, sie dem Judentum nicht nur keinen warmen Händedruck, kein aufmunterndes Wort entgegenbringen, sondern ihm gegenüber vielmehr einen Standpunkt einnehmen, der unwillkürlich die Worte des Sieyäs ins Gedächtnis zurückruft: „Ihr wollt frei sein, aber ihr wisset nicht gerecht zu sein!" Und doch haben die Juden den Anspruch auf Gerechtigkeit — wenn je, dann in diesem gigantischen Weitungen — sich zur Genüge erworben. Der Staat Polen ist ein Kind des Krieges. Aber wer würde zu leugnen wagen, daß das jüdische Volk dem Moloch des Krieges die blutigsten und zahlreichsten Opfer weihte. Wer beugt sich nicht vor der Größe eines Volkes, das um Millionen vernichteter Existenzen trauert und unter Ruinen und Trümmern das alte Bild des wandernden Ahasver wieder vor der Welt aufrollt; eines Volkes, dessen Söhne zu Tausenden täglich ihr junges, frisches Blut ins brandende Kriegsmeer ergießen; dessen moralisches Sein vielfach erschüttert und dessen sprichwörtliches Familienleben in den Wellen der Zerstreuung, im Doppelfeuer zwischen Drangsal und Verlockung, zerstört wurde; dessen zahlreiche Gemeinden der Auflösung anheimgefallen, dessen beste ethischen und kullurellen Werte im Schmelztiegel der Kriegsflammen zerronnen sind — und das dennoch in Treue zu Kaiser und Reich treue Wacht hält an der Schwelle der Staatssicherheit und des Vaterlandwohls? t