Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 168 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908697-2909178--0301-2909219- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
168 wird der nationale Hochmut und Dünkel eingedämmt durch diese Zurückführung er Nation auf ihren Ursprung in Sklaverei und Fremdherrschaft. Es ist wahrlich ein hohes ethisches Wahrzeichen des jüdischen Nationalbewußtseins, wie es nur diese Religion schaffen konnte: daß dieses Volk seinen Ursprung nicht ansetzte in einer autochthonen Ursprünglichkeit oder einer göttlichen Abstammung, noch überhaupt in irdischer Macht und Größe, sondern in der ärgsten irdischen Niedrigkeit. „Sklaven waren wir dem Pharao in Ägypten", so heißt es noch heute in unserer Agende am Pessachabend. Und in dem herrlichen Gebete, das für die Darbringung der Erstlingsfrüchte vorgeschrieben ist, hat der Darbringende zu bekennen: „ein irrender Aramäer war mein Vateru. Überall war das Nationalbewußtsein in Demut gegründet und gefestet. Was bedeutet nun aber dagegen die allererste Begründung der Nation durch die Erzväter? Sie enthält keineswegs einen Widerspruch gegen diese nationale Wurzel der Demut. Denn erstlich bleibt der Zusammenhang mit Kanaan und mit den semitischen „Brüdern" immer unbefangen erhalten, und sodann wird, wenigstens in Abraham und Isaak, ganz uneingeschränkt, auf den rein idealen Momenten der religiösen Sittlichkeit die nationale Urheberschaft gesichert; und was bei Jakob von Zweideutigkeit hinzutritt, das hat offenbar schon historische Hintergründe, welche die Naivität der Sagentra<lition beeinflussen. Endlich aber bleiben selbst da noch genug der rein sittlichen Motive erhalten, welche schließlich in Joseph gipfeln, so daß durch sein rührend-mächtiges Idealbild alle Schatten vom Bilde des Vaters hinwegschwinden. Es gibt nun aber ein ganz absonderliches Moment in der großen Rede des Deuteronomiums, an welchem diese Verschlingung der ethischen und der historischen Motive unverkennbar durchsichtig wird. Unter den vielen Apostrophen an Gott und an das Volk, welche hier mannigfach variiert werden, findet sich auch das Wort: „Oder hat ein Gott versucht, hinzugehen, und sich ein Volk zu nehmen aus der Mitte eines Volkes?" Die Befreiung Israels wird hier als eine singuläre Tat der göttlichen Vorsehung gedacht. Für einen Appell an das Nationalbewußtsein, besonders um es zu erwecken, mochte diese Auszeichnung hingehen, wie ja auch die gesamte Liturgie auf dieses „Andenken an den Auszug aus Ägypten" aufgebaut ist. Aber es ist doch höchst bedeutsam, daß innerhalb der Prophetie auch dieses scheinbar unbestreitbare Recht des Nationalgefühls aus der tieferen religiösen Einsicht heraus angegriffen worden ist. Arnos, der erste literarische Prophet, hat das Verdienst, diese Eindämmung des Nationalismus vollführt zu haben in dem harten Worte: „Seid ihr nicht, wie die Kinder der Kuschiten mir, ihr Kinder Israel? Spruch des Ewigen. Habe ich nicht Israel heraufgeführt aus dem Lande Ägypten und die Philister von Kaphtor und die Aramäer von Kir? (Arnos 9, 8). Diese gewaltige Konsequenz zieht der Monotheismus im Messianismus schon mit seinem ersten Propheten. Es bleibt daher das wichtigste und das wirksamste Bollwerk, welches das Deuteronomium für die Erweckung des Nationalbewußtseins zum