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Neue jüdische Monatshefte · 1916-12-25 · Heft 6 (25.12.1916) · p. Seite 169

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 6 (25.12.1916)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1916-12-25
Page
Seite 169 (sequence 4)
Language
German
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169 Zwecke und im Dienste der Begründung und Befestigung des Monotheismus errichtet, nur die Berufung übrig auf den sittlichen Gehalt der Lehre: auf die „Rechte und Satzrngen", deren „Weisheit" gerühmt wird, und durch welche „in den Augen der Völker" die Wahrheit Gottes und seiner Lehre bewiesen werden soll. „Und wo ist ein großes Volk, dem gerechte Satzungen und Rechte wären, wie diese ganze Thora, die ich vor euch heute gebe". (5. Buch Mose, 4,8). Und immerfort wird die Berufung auf die Weisheit dieser Gesetze wiederholt, durch welche das Volk selbst als ein „weises und vernünftiges" erwiesen werde. Nach alter Auflassung bedeuten die einen dieser beiden Begriffe die Satzungen (Chukkim) die im engeren Sinne religiösen Vorschriften, dio Rechte hingegen (Mischpatim), die allgemein sittlichen, rechtlichen Gesetze. So hat auch Maimonides den Unterschied bestimmt, und durch das gesamte jüdische Schrifttum geht die Richtung auf diese Unterscheidung von Zeremonialgesetz und sittlichem Grundgesetz. Im Geiste des Deutejwnomiums und in den ergreifenden Ausführungen dieser Rhetorik ist dieser Unterschied unter den Religionsge&etzen festgelegt worden, den auch die Mischna festgehalten und in das tägliche Morgengebet aufgenommen hat. Es ist sonach unzweifelhaft, daß der grundsätzliche jüdische Rationalismus, der auch den „Zaun der Lehre" durchbrochen hat, alle die historischen Momente der Tradition einschließlich der Schöpfung durch die ethischen Motive verklärt hat, so daß sie hicht isoliert bleiben, sondern immer von den ethischen Motiven durchdrungen werden, wie es bei der Befreiung aus Ägypten mit besonderer Erziehungskraft gelungen ist. Überall zeigt sich diese Tendenz, die endlich auch vor der Offenbarung nicht zurückschreckt, vor deren anthropomorpher Auffassung des Deuteronomium sich nicht genugtun kann, zu warnen. Daher lasse man sich auch von diesem Geiste ermahnen, wo man Gott selbst als einen realen Faktor für die Geschichte Israels heranzuziehen sucht: daß man jede Spur zu vermeiden strebe, welche auf die schiefe Ebene der Materialisierung hinlenkt. „Bewahret euch um eurer Seelen willen", so warnen vor solcher Gefahr die Worte des Deuteronomiums. In Sittlichkeit und Religion übertrifft die Wahrheit alle Wirklichkeit der Natur. Das tiefste Wort, mit dem unsere Religion Gott bezeichnet, ist. Wahrheit. Er ist „der Gott der Wahrheit". Bleiben wir bei diesem höchsten Worte der Erkenntnis und des religiösen Seins. Es ist unersetzbar durch alle Worte, weiche der sinnlichen Natur und nicht minder aber auch der geschichtlichen Erfahrung entnommen werden. „Das Siegel des Heiligen, gelobt sei er, ist Wahrheit", so lautet ein weises Wort des Talmud.

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