Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Chawe
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 164 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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164 „Wart eine Weile, Tewje," sagt er mir, „hast du denn keine Zeit? Ich habe dir etwas zu sagen!" — „Wenn es etwas Gutes ist," sag ich, „so hab ich nichts dagegen; wenn es aber nichts Gutes ist, so wollen wir es doch lieber auf ein anderes Mal aufschieben." — „Was heißt bei dir", fragt er mich, „ein anderes Mal?" — „Ein anderes Mal", sag ich, „heißt, wenn Messias kommt," — „Messias", antwortet er, „ist ja schon längst gekommen." — „Das habe ich von dir schon mehr als einmal gehört," sag ich; „sag mir doch lieber, ehrwürdiger Vater, etwas Neues!" — „Das will ich ja eben," sagt er: „ich will dir etwas sagen, was dich selbst betrifft, das heißt eigentlich deine Tochter. . ." Da steht mir das Herz still: was hat der mit meiner Tochter zu tun? Und ich sage ihm: „Meine Töchter sind, Gott sei Dank, nicht so beschaffen, daß wer anderer für * * * * sie reden muß; sie können", sag ich, „ganz gut für sich selbst reden," — „Das ist aber", sagt er, „eine solche Sache, daß sie selbst davon nicht sprechen kann, und ein anderer vermitteln muß; denn es ist", sagt er, „eine sehr wichtige Sache: es handelt sich um ihr Glück .. ." — „Wen geht das Glück meiner Tochter etwas an?" sage ich: „Bin ich denn nicht der Vater meines Kindes? Ja oder nein?" — „Es ist wahr," sagt er, „daß du ihr Vater bist; du bist aber blind und siehst nicht, daß deine Tochter sich hinaus sehnt, daß sie nach einer andern Welt verschmachtet; und du verstehst es nicht, oder willst es nicht verstehen. . ." — „Ob ich sie nicht verstehe", sage ich, „oder sie nicht verstehen will, das ist wieder eine andere Frage, und darüber kann man ja auch sprechen; aber was geht das alles dich an, ehrwürdiger Vater?" — „Es geht mich sogar sehr an," antwortet er, „denn sie ist jetzt unter meiner Obhut. . ." — „Was heißt", frage ich, „unter deiner Obhut?" — „Das heißt," sagt er, „unter meiner Aufsicht." Dabei sieht er mir gerade in die Augen und streichelt seinen schönen Bart. Natürlich fahre ich auf. „Was?" schreie ich, „mein Kind unter deiner Aufsicht? Mit welchem Recht?" Und ich fühle, wie ich in Zorn gerate. Da sagt er mir ganz kaltblütig mit einem Lächeln: „Nur nicht so hitzig, Tewje! Gemach, wir wollen uns die Sache überlegen. Du weißt," sagt er, „daß ich dir, Gott behüte, nicht feind bin, obwohl du Jude bist. Du weißt, daß ich von Juden viel halte und daß mir das Herz weh tut, wenn ich sehe, wie eigensinnig und verblendet sie sind und nicht begreifen wollen, daß man ihnen nur Gutes will." — „Von diesem Guten",