Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Chawe
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 163 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908697-2909177--0295-2909214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
163 es erklärt wird, warum sich die Menschen selbst eingeteilt haben in Juden und Christen, Herren und Knechte, Reiche und Arme? . . ." — „Halt", sag ich ihr, „halt! Du gehst zu weit!" Und ich versuche ihr zu erklären, daß alles noch seit den sechs Tagen der Schöpfung so eingerichtet ist. Fragt sie mich: „Warum ist es so eingerichtet?" Sag ich ihr: „Weil Gott die Welt einmal so beschaffen hat." Und sie: „Warum hat Gott die Welt so beschaffen?" Sag ich: „Hör auf! Wenn wir anfangen zu fragen, warum dies und warum das, so nimmt es doch überhaupt kein Ende." Sagt sie mir: Dazu gab uns ja Gott die Vernunft, damit wir fragen können. . ." — „Bei uns ist es Sitte", sag ich, „wenn ein Huhn zu krähen anfängt wie ein Hahn, trägt man es sofort zum Schächter, wie es auch im Morgengebet heißt: ,Der du dem Hahn Verstand gegeben hast'. . ." Da mischt sjch mein Weib Golde ins Gespräch ein. „Ist es noch nicht genug zu reden?" ruft sie aus dem Fenster: „Die Suppe steht schon seit einer Stunde auf dem Tisch, und er predigt noch immer!" — „jetzt kommt die auch noch dran!" sag ich. „Nicht umsonst sagen unsere Weisen, daß eine Frau neun Maß Beredsamkeit in sich hat. Wir sprechen hier von den höchsten Dingen, und sie kommt mit ihrer Suppe!" Antwortet mir Golde: „Die Suppe ist vielleicht ebenso wichtig, wie alle deine höchsten Dinge. . ." — „Gott sei dank!" sag ich: Da haben wir einen neuen Philosophen: Es genügt nicht, daß Tewjes Töchter aufgeklärte Köpfe sind, nun will auch sein Weib durch den Schornstein in den Himmel fliegen!" — „Da du schon gerade vom Himmel sprichst," sagt sie, „so kannst du von mir aus in der Erde liegen!" Wie gefallt Euch so ein Willkommensgruß, wenn man mit hungrigem Magen nach Hause kommt? . . . Wollen wir jetzt aber, wie es in den Märchen heißt, den König lassen und zur Königstochter zurückkehren; ich meine zum Popen — ausgelöscht sei sein Namen und Gedächtnis! Wie ich einmal gegen Abend mit den leeren Milchkannen nach Hause fahre und gerade ins Dorf einbiege, kommt er mir auf seinem eisenbeschlagenen Wägelchen entgegen; er treibt in eigener Person die Pferde an, und sein langer Bart flattert im Winde. „Der fehlt mir noch gerade!" denke ich mir: „Eine schöne Begegnung!" — „Guten Abend!" sagt er mir: „Erkennst du mich denn nicht?" sagt er, „oder was?" — „Es heißt ja," antworte ich, „daß, wenn man einen nicht erkennt, er sehr bald reich werden wird!" Ich ziehe den Hut und will weiterfahren. —