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Neue jüdische Monatshefte · 1916-12-25 · Heft 6 (25.12.1916) · p. Seite 157

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 6 (25.12.1916)
Article
Babylon - Bagdad
Date
1916-12-25
Page
Seite 157 (sequence 4)
Language
German
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157 wohnen die meisten Christen der Stadt, wie auch ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung. . Dieses Viertel zieht sich halbkreisförmig um den Mittelpunkt der Stadt, den Basar. Sein Zugang von Süden, mit Erdpech unbeholfen asphaltiert, besteht aus einer nicht sehr breiten Straße, die sich hinter den am Ufer des Flusses stehenden Häusern hinzieht. Breite, überdachte Wege quer durch den Basar, an denen sich die meisten, heute noch offenen Kaufläden befinden, bilden die Verbindung zwischen den nördlich und südlich des Basar gelegenen Stadtteilen, und eine breite Durelifahrt öffnet den Weg zur Brücke. Im übrigen führen überdachte oder überwölbte Gänge an verlassenen, eingefallenen Höhlen vorbei, die früher Kaufläden gewesen sind. Durch niedergebrochene Mauern blickt man auf wüste Trümmerhaufen, wo die in der Sonne getrockneten gelben Ziegel langsam wieder zu Staub zerfallen. Bagdad ist vom Leben abgeschlossen. Durch seine Gassen wogt keine geschäftig angeregte Menge. Kein lebendiger Hauch bewegt den Geist seiner Bewohner. Bagdad, die größte und bedeutendste der Städte Mesopotamiens, unterscheidet sich vom heutigen Babylon nur dadurch, daß sie bewohnt ist, jene nicht; sie ist heute noch das Abbild der Städte, die vor fünftausend Jahren in diesen Gegenden standen. Nichts hat sich geändert. Sogar die Stufentürme der Alten ragen noch heute in der gleichen Form in die Luft. Abgesehen von den spärlichen Telegraphendrähten, die verwahrlost an wackligen Gestellen herumhängen, den wenigen Dampfern auf dem Flusse und dem, von aller Verbindung mit der übrigen Welt abgeschnittenen, am Rande der Wüste liegenden Bahnhof, abgesehen von einigen sonstigen, wenigen Kleinigkeiten ist das Leben, ist die Stadt, sind die Bewohner in nichts von denen früherer, nicht Jahrhunderte, sondern Jahrtausende verschieden. Wie damals baden sich auch heute nackte Knaben und Männer in den sehmutziggelben Fluten des Tigris, und wie damals ist aller Verkehr auf gefahrvolle Kamelreisen, auf unbehilfliche Warenniederlagen, auf unsinnig vergeudete menschliche und tierische Kraft eingestellt; wie damals ist auch heute noch niemand seines Besitzes, oft kaum seines Lebens sicher, und wie damals lebt noch heute die große Masse stumpf und gedankenlos zwischen Essen und Schlafen einem vollständig gleichgültigen Tode entgegen. Der geistige Tod aber, der über der Stadt ausgebreitet liegt, ist doch nicht so sehr durch die Abgeschnittenheit der Lage bedingt, als man anzunehmen geneigt sein könnte. Denn in Wirklichkeit ist diese Lage nicht so außerhalb des Weltverkehrs, wie es auf den ersten Blick erscheint. Nur die Wege nach dem Westen" sind lang, gefährlich und kostspielig. Nach dem Osten jedoch führen schon seit langem bequeme Verbindungen zu Schiff den Tigris hinab, und in 7 bis 14 Tagen nach Bombay und Indien, wo Anregungen mancherlei Art auch Einfluß auf das geistige Leben ausüben. Aber das Schicksal der Stadt hat sie an den, bisher und bis zum Ausbau der Bagdadbahn fast unerreichbar fernen Westen geschmiedet. Die Beamten, die aus Konstantinopel kamen, waren unfähig und auch gar nicht in der Lage, etwas zur Hebung

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