Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Babylon - Bagdad
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 156 (sequence 3)
- Language
- German
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156 Stadt Harun-al-Raschids. Nur das leise Brausen des schnellfließenden Stromes murmelt, beruhigend und erregend zugleich, von traumhafter Schönheit, von geheimnisvoller Pracht, von Genuß und Reichtum. Doch das alles ist nur ein Bild, das der silberne Mond an den Ufern des Stromes flüchtig und ohne Bestand hinmalt. Im scharfen Lichte der Sonne wandelt es sich, und die Einzelheiten eines kahlen Lebens, eines mühevollen Kampfes gegen Unwissenheit und Geistesträgheit treten grell in Erscheinung. Wohl bleibt das Ufer des Stromes, wie es die Nacht zeigt, dicht mit hohen Gebäuden bedeckt. Nur sind sie fast alle verfallen. Wohl erheben sich Gebüsche und Bäume in den Gartenhöfen am Flusse, doch sie führen nur ein kümmerliches Dasein und ihre Zahl ist gering. Steil fallen die Ufermauern, auf denen diese Häuser sich aufbauen, in den Strom," oft von schmalen Holzgerüsten überhangen, und dunkle öffhungen führen zu den Treppen, die aus den Gärten der Häuser den Zutritt zum Wasser vermitteln. Doch auch hier überall Trümmer und Vernachlässigung, abbröckelnde* Steine, zerfallendes Gemäuer. . . . Hinter der am Stromufer liegenden Häuserreihe zieht sich im Süden der Stadt eine breite Straße hin, die schnurgerade durch Palmengärten führt. Rechts und links dieses Weges finden sich dichte Granatilpfelsträucher, Rosenbüsche und üppiges Gesträuch aller Art, in dessen Schatten viele Bänke versteckt stehen. Hier wird Kaffee und Tee auf offenen Herden unter freiem Himmel bereitet, Nargilehs stehen überall bereit, und Verkäufer von Zuckerbäckereien, von Sonnenblumensainen, der viel gekaut wird, und ähnlichem bieten ihre Waren an dieser „Promenade" der vornehmen Bagdader Welt im Umhergehen aus oder hocken um Wege. Die breiten, hölzernen Bänke sind in den Abendstunden von 4 bis 7 hier, wie in allen, überall offen an den Straßen liegenden Kaffeehäusern, dicht besetzt von Männern jeden Alters, jeden Volkes, das in Bagdad heimisch ist; mit untergeschlagenen Beinen sitzen sie geruhig im Grün des Schattens; die kleinen, oft kostbaren Kugeln des . muhammodanischen Rosenkranzes gleiten geräuschlos durch müßige Finger, während die Straße selbst von Reitern, Wagen und Fußgängern, allerdings meistens in einer dichten Staubwolke, belebt ist, denn Wasser wird hier zwar in einem kleinen Tonnenwagen gesprengt, ohne daß dies aber bei der starken Verdunstung von besonderem Nutzen sein könnte. Man ist dabei, diese Straße in gerader Richtung durch die ganze Stadt zu verlängern. Schon fällt ein Haus nach dem anderen der Spitzhacke zum Opfer, und bald wird das dichte, enge, dunkle und schmutzige Gewirr der Gassen der inneren Stadt durchstoßen sein. Hier erhebt sich Haus an Haus und Hütte an Hütte. Dicht gedrängt, ohne irgendeinen freien Platz, leben hier Tausende und Tausende von Menschen, jede Familie eine kleine schmutzige Welt für sich. Niedrige, hölzerne, mit Eisen beschlagene Türen führen in kleine Höfe, auf die sich dunkle Räum6 öffnen. Diese Häuser haben zum größten Teil zwei Stockwerke, und das obere ist nach der Straße zu stets mit vorspringenden Erkern versehen, deren mit hölzernem oder eisernem Gitter abgeschlossene Fenster sich über die engen Gassen hinweg beinahe berühren. Hier