Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Babylon - Bagdad
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 155 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908697-2909176--0285-2909206- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Basra 1× ep/1044138
OCR text
155 inals den Worten der Propheten ihres Volkes einen tieferen Sinn unterlegten. Sie blieben in dem Lande der Einsamkeit, und jede neue Kultur, die dort erstand, fand unter ihren Nachkommen Mitstreiter und Helfer. Nicht wenige der Gelehrtesten am Hofe der Perserkönige, in Alexanders schnell errafftem und schnell welkendem Reiche und bis zur Zeit der Blüte der arabischen Khalifen entstammten jenen einsamen Israeliten, die sich der Rückwanderung aus dem Exil nicht anschlössen. Wenn vor Zeiten Babylon als Hauptstadt des Irak seinen weitreichenden Einfluß über ganz Vorderasien erstreckte, so folgte ihm in späteren Jahrhunderten Bagdad als Mittelpunkt der Geschehnisse. Ist es doch in diesem eintönig gleichförmigen Lande ohne große Bedeutung, wo eine Stadt sich erhebt. Die Vorbedingungen alles materiellen Lebens sind überall nahezu dieselben. Die weite, trockene Ebene braucht nur Wasser, um in der Gunst eines gleichmäßigen Klimas alles zum Unterhalt Nötige überreichlich hervorzubringen. Nicht das Land, nicht die Grenzen des Besitztums sind hier das wirklich Ausschlaggebende, sondern jene Wassermengen, die aus weiten Entfernungen, aus Gegenden, die von der Landschaft des Irak sich wie Tag und Nacht unterscheiden, zuströmen. So sind die Kulturmittelpunkte hier von viel größerer Wichtigkeit als irgend wo anders. Nur sie geben die Möglichkeit. geistigen Lebens. Und bei dem Mangel aller bequemen Verkehrsmittel ist es unausbleiblich, daß jeder, der nicht im rein Materiellen befangen blieb, diesen Mittelpunkten zustreben mußte. So finden wir von einer Gesamtbevölkerung des Irak an Juden, die 60 000 nicht übersteigen dürfte, rund 50 000 in Bagdad. Der Rest lebt in Hillen, Diwanije, Kufa, in Keffel, der Grabstätte des Propheten Ezechiel, und bis nach Basra hinunter zerstreut. Kiffel ist nach dem Vorbilde der islamitischen Pilgerstätten zu einem jüdischen Wallfahrtsort geworden. In Bagdad, dem Mittelpunkte alles Lebens von westlich von Palmyra bis zum Golf, findet sich so die Hauptmasse der israelitischen Bevölkerung. Die Stadt breitet sich in einem schmalen, aber langen Streifen vornehmlich am linken Ufer des Tigris aus. Sie zählt heute etwa 250 000 Einwohner. Wohl ein Fünftel davon sind Juden, kaum 20 000 Christen verschiedener Bekenntnisse, und der Rest verteilt sich auf arabische Sunniten und — meistenteils persische — Schiiten. Die Zahl der in Bagdad lebenden Europäer ist äußerst gering. Deutsche dürfte es in normalen Zeiten kaum einige zwanzig gegeben haben. Im silbernen Licht des Mondes macht die Stadt einen bezaubernden Eindruck. Von El Kasr, der rechtsufrigen Vorstadt, wo sich, wie schon der Name — Schloßburg — andeutet, früher der Hauptteil der Stadt erhob, durch den breit dahinströmenden Tigris getrennt, leuchten die hohen Mauern der Paläste, die das jenseitige Ufer einnehmen, aus dem Dunkel geheimnisvoller, tiefschwarzer Schatten hervor. Vereinzelte Gebüsche und Palmen scheinen schlafende Rätsel hinter dichten Schleiern zu bergen, und am klaren Nachthimmel erheben sich über diesem Bilde schmale Minares und die wuchtigen Kuppeln einiger Moscheen. Es herrscht völlige Stille; kein Laut stört die zauberhafte Ruhe der Märchen-