Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Juden und Deutsche in der Bukowina
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 149 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908697-2909174--0275-2909200- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
149 als Lösung der Judenfrage Schaffung von Industrieunternehmungen vorgeschlagen. Es handelt sich hier um eine rasche Verarmung ohne die Möglichkeit, die ■ Verarmten in Proletarier zu verwandeln. Die Gründe der Verarmung sind mannigfacher Art. Das bäuerliche Genossenschaftswesen, die Entstehung eines nationalen Handelsstandes haben den jüdischen Händler, und Geldverleiher verdrängt; das Großkapital und die Fabrik des Westens den Handwerker. Die jüdischen Handwerker des Ostens sind längst nicht mehr selbständige Unternehmer, sie sind von einem bestimmten Baumeister, Konfektionär, Kaufmann abhängig. Ein großer Teil ist also aus seinem Beruf herausgerissen und findet keine Beschäftigung. Sie sind aber ärger daran als selbst die verarmten Bauern, weil viele sich für schwere körperliche Arbeit kaum eignen. So wird, da Österreich, wie wir wissen, noch industriearm ist und nur einen Bruchteil dieser Enterbten fassen kann, allein das Ventil der Auswanderung offen bleiben. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Krieg die Tendenzen der Verarmung vermehrt hat; der letzte Rest des Besitzes ist vernichtet, und das erstarkte Finanzkapital entledigt sich kurzerhand der Vermittler und Zwischenhändler. Wie bei anderen Völkern des Ostens, geht die Verarmung der Juden immer noch so rasch vor sich, daß die bodenständige Industrie sie nicht aufnehmen kann. Folgt nach dem JKrieg. nicht eine rasche Entwicklung der Industrie in der Bukowina und Galizien — und wer vermag im Ernst daran zu glauben? — dann wird sich das, was man gemeiniglich Judenfrage nennt, sofort als das offenbaren, was es ist: d i e Frage des österreichischen Ostens. — Die Deutschen der Bukowina zerfallen in etwa 30 000 Städter und etwa 40 000 Landbewohner. Über sie lesen wir in dem kürzlich erschienenen kleinen Werk ihres besten Kenners, des jetzt an der Universität Graz wirkenden Führers der Karpathondeutschen, Professor Dr. R. F. Kaindl („Die Deutschen in Osteuropa", Leipzig, Klinkhardt), daß sie im Lande seit mehr als einem Jahrhundert ansässig sind. Durch die Niederlassung deutscher Beamter imd Bürger erhielt vor allem Czernpwitz, aber auch Sereth, Suczawa, Radautz, Gurahumora, Kimpolung, Dorna Watra, lauter jetzt weltgeschichtlich bekannte Ortschaften der Bukowina, einen deutschen Anstrich. Die deutschen Bürger haben das völlig verfallene städtische Wesen in der Bukowina wiederbelebt und die Grundlage zur gegenwärtigen Entwicklung gelegt. Selbstverständlich führte die deutsche Verwaltung zahlreiche deutsche Beamte, Lehrer, Geistliche und Militärpersonen, aus dem Westen ins Land. Diese bildeten eine willkommene Ergänzung der bäuerlichen Kolonisten, eines meist völlig verarmten Volks, das am Ausgang des 18. Jahrhunderts und in der Folge aus Böhmen, Bayern und Württemberg nach dem Osten auszog, nach Galizien und der Bukowina. Es wurden hier Bergwerke eröffnet, Glashütten eingerichtet, Felder bestellt, Diesen großen Umschwung verdankte die Bukowina den Deutschen. Denn die Deutschen kamen früher in die Lage, ihrer Adoptivheimat ungehemmt alle Kräfte zu widmen als die