Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Juden und Deutsche in der Bukowina
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 146 (sequence 4)
- Language
- German
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146 auf dorn gänzlich unhaltbaren Boden der Staatsbürger „mosaischen Glaubens44 steht, die Verhältnisse des Westens einfach auf die des Ostens tibertragend. In Österreich ist der Seelsorger Matrikenführer. Wird ein Kind z. B. in der katholischen Kirche getauft, so vollzieht der Seelsorger durch .Eintragung ins pfarramtliche Taufbuch gleichzeitig einen staatsgültigen Akt Bei der zuständigen Gemeinde wird die Geburt eines neuen Kindes bloß angemeldet Nationale Matriken gibt es allgemein noch nicht Erst die Schaffung nationaler Wahlkataster, wie sie als eines der ersten Kronländer, die Bukowina, in Angriff genommen hat, bringt die Frage der nationalen Autonomie ihrer Lösung näher. Wie mir auf Veranlassung des jetzigen hochverdienten Bürgermeisters von Czernowitz, Dr. Salo v. Weisselberger, der Magistratskommissär Gutmann, dem ich auch sonst für verschiedene Hinweise zu besonderem Dank verpflichtet bin, mitteilt, hat man in Regierungskreieen bei der Ablehnung eines jüdischen Wahlkatasters also argumentiert: Die Juden können deshalb nicht beanspruchen, als eigene Nation anerkannt zu werden, weil ihnen das wesentlichste Moment einer Nation, die eigene Sprache, fehlt Das, was ein Teil der österreichische^ Juden spricht, insbesondere die jüdischen Galizianer und Bukowiner, ist bloß ein Sprachgemenge, kein selbständiges Idiom. Auf den gleichen Standpunkt hat sich auch das österreichische Reichsgericht gestellt, das vor einigen Jahren über die Beschwerde eines Czernowitzer Rechtsanwalts entschied. Die Politik der Deutschen in der Bukowina war seit Jahrzehnten blind und verkehrt Ihre Führer, vor alem der letzte deutsche Reichsratsabgeordnete der Stadt Czernowitz — jetzt ist die Landeshauptstadt im österreichischen Abgeordnetenhaus durch einen Juden und einen rumänischen Sozialdemokraten vertreten, obwohl dem letztgenannten nach der Gesamtzahl der Wähler kein Mandat gebührt — taten in ihrer Unkenntnis und Unfähigkeit nichts, was den Besitzstand des Deutschtums auch nur einigermaßen hätte retten können. Die deutsche Nationalität zog überall den kürzeren, sogar an der deutschsprachigen Landesuniversität Mehr als bedenklich war es ferner, daß man dem Wunsch aller jüdischen Studenten an der Universität, sie als besondere Nation anzuerkennen, nicht entsprach. Außer dem bereits erwähnten Standpunkt der Regierung machte man noch andere Schemgründe geltend. Es gab jüdische Professoren, die aus dem Westen berufen, ihre akademischen Beziehungen und persönlichen Aussichten daselbst durch eine Anerkennung der Juden als selbständiges nichtdeutsches Volk nicht gefährden wollton. Andererseits gab es Deutsche, denen der Bekennermut der Wahrheit fehlte, weil sie üble Folgen für das Deutschtum befürchteten. Diese Wahrheit aber lautete: An der Universität Czernowitz bilden die Juden die stärkste Nationalität; die deutsche Studentenschaft macht nur einen kleinen Bruchteil der Gesamtheit aus. Verschleiern und Versteckenspielen taugt auf die Dauer Belbst in der Politik nichts, sofern keinerlei Aussicht besteht, vorhandene Tat-