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Neue jüdische Monatshefte · 1916-12-10 · Heft 5 (10.12.1916) · p. Seite 130

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 5 (10.12.1916)
Article
Der Geschichtsquellenwert der althebräischen Literatur
Date
1916-12-10
Page
Seite 130 (sequence 7)
Language
German
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130 sonders auch die Szene, in der der Stammvater dieses Volkes um einen Platz zu einem Begräbnis für seine Frau förmlich betteln muß (23, 1 ff.)! Wie ganz anders würde das Lebensbild des ersten Patriarchen aussehen, wenn es von seinem Volke erdichtet worden wäre! Man weiß doch, was für glänzende Gestalten entstehen, wenn die Volksphantasie zu Pinsel und Palette greift. Wie sehr wissen wir dies gerade bei Abraham! Denn die umdichtendo Sage hat sich ja später wirklich seiner Gesalt bemächtigt. Sie hat ihn zu einem Könige — von Damaskus — gemacht, wie wir es bei dem römischen Geschichtschreiber Justinus lesen -1), und ein anderer bunter Sagenkranz hat sich auch in spätjüdischen Schriften um die Gestalt Abrahams herumgelegt22). Die im ersten biblischen Buche vorliegende Erzählung ist aber davon gänzlich frei, und sie hat ihm und den anderen Patriarchen merkwürdigerweise auch keine Wunder „angedichtet", wie man den israelitischen Erzählern so gern schuld gibt. Ja auch menschliche Schwächen,sind in den Berichten über den ersten Patriarchen nicht verschwiegen worden (Gen. 12, 13; 20, 2, vgl. V. 12), und so sind auch sonst in den hebräischen Geschichtsbüchern die im übrigen hochstehenden Persönlichkeiten durchaus nicht von Fehlern reingewaschen worden. Oder ist nicht auch sogar voif Mose der Moment der Glaubensschwäche mehrmals berichtet23), daß er an den wasserspendenden Fels nicht bloß einmal, sondern zweimal schlug? So sind auch an dem sonst glänzenden Bilde Davids keineswegs die dasselbe entstellenden Flecken, sein Vergehen mit Bathseba usw. (2, Sam. 11, 4 ff.), vertuscht, nur daß dann in der Chronika, die erst in der nachprophetischen Zeit geschrieben ist, vielleicht auch noch aus besonderer Rücksichtnahme auf die jüngeren Glieder der Gemeinde diese anstößigen Geschichten übergangen, aber nicht auch zugleich aus den älteren Werken getilgt worden sind24). Überall sonst aber gilt es doch nun in der Kritik von Geschichtswerken als ein Zeichen ihrer Vertrauenswürdigkeit, wenn sie auch die Mängel ihrer im allgemeinen preiswürdigen Helden nicht verschwiegen haben. Nun so soll man dieses Kriterium auch bei den biblischen Erzählern der Geschichte Israels nicht vergessen. Sie verdienen das ganz und gar nicht. Denn wie sehr haben diese ihr Feingefühl für Grade der Tadelhaftigkeit auch z.B. darin gezeigt, daß sie die Verletzung des Kultusgesetzes betreffs Vielheit und Einheit der Opferstätte (1. Kön. 3, 2 usw.) keineswegs mit der Verkennung der Geistigkeit und Einheit Gottes auf die gleiche Stufe gestellt haben! Schon gegenüber dem Bilderdienst sprechen sie z. B. von „der Sünde Jerobeams" (1. Kön. 12, 30 usw.), und ausdrücklich haben sie auch sogar davon das Unternehmen Ahabs, der in Hin- 2l) Justinus, Historiarum liber XVIII, 36. 32) Vgl. A. Wünsche, Aus Israels Lehrhallen I (1907), 14; Gorion, Die Sagen der Juden, Bd. II (1915). *) Num. 20, 12; 27, 14; Deut. 1, 37 usw.; vgl. auch Exod. 3, 11; 4, 10. a*) Vgl. die weise und nachahmenswerte Vorschrift iin Traktat Sophertin 9, 8: Weder gelesen noch übersetzt soll werden die Geschichte von der Ihamar, die Tat Davids und die Tat Amnons usw.

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