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Neue jüdische Monatshefte · 1916-12-10 · Heft 5 (10.12.1916) · p. Seite 129

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 5 (10.12.1916)
Article
Der Geschichtsquellenwert der althebräischen Literatur
Date
1916-12-10
Page
Seite 129 (sequence 6)
Language
German
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129 bericht aus mehreren Quellen geschöpft ist, leistet uns auch einen zweiten positiven Dienst. Denn was könnte man behaupten, wenn der Bericht z. B, über Abraham eine ganz einheitliche Masse bildete? Man könnte sagen, daß dieser Bericht ein Kunstprodukt sei, daß er einer späteren Theorie oder einer Parteiansicht sein Dasein verdanke, kurz, daß er fingiert sei. Und sind denn derartige Behauptungen etwa in unserer Zeit nicht möglich? Nun, es ist noch nicht lange her, daß sie wirklich ausgesprochen worden sind10). Danach soll die Gestalt 'Abrahams.als Stammvater der Priesteraristokratie in der nachexilischen Zeit erdichtet worden sein. Vor solchen Behauptungen wird der biblische Bericht über den ersten Patriarchen schon durch die von der neueren Literarkritik gewonnene Erkenntnis geschützt, daß dieser Bericht nicht ein völlig einheitlicher ist, also nicht von einem einzigen Autor oder einer Partei ersonnen sein kann. Die erwähnte neue Aufstellung wird also wesentlich dadurch zum Sturze gebracht, daß die Erzählungen über Abiaham uns in mehreren Quellenströmen mit verschiedenem Gebirgshintergrund und von altem Ursprungsdatum zufließen. 6 Endlich darf bei der Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit der althebräischen Geschichtsbücher auch das nicht übersehen werden, was in ihnen speziell sozusagen für das lebendige Gewachsensein der Erzählungen und für den W a h r h e i t s s i n n der Erzähler spricht. Wenn ich mich hier in diesem Organ auf sprachgeschichtliche Untersuchungen einlassen dürfte, so würde das Gewachsensein der althebräischen Geschichtsbücher zunächst durch die Tatsache veranschaulicht werden können, daß die Geschichtsbücher Samuelis — Könige — Chronika, wie sie ihrem Inhalte nach sich auf verschiedene Zeiten beziehen, so auch ihrem Sprachcharakter nach aufeinander folgen, also ein P a r a 11 e 1 i s m u s zwischen Inhaltsfolge und Sprachgeschichte sich zeigt. Denn um nur einen einzigen Punkt herauszugreifen, so verhalten sich die beiden hebräischen Wörter für „ichu fanokhi und 'ani) in den Büchern Samuelis wie zirka 50 :50, in den Büchern der Könige wie 9 :45 und in den Büchern der Chronika wie 1 :30 20). Aber hier an diesem Orte wende ich mich lieber gleich zu dem Versuche eines inhaltlichen Beweises für das Gewachsensein der hebräischen Geschichtsbücher. Nämlich nach den Quellenaussagen stellt z. B. die Gestalt des ersten Patriarchen nicht etwa ein Idealbild dar. Oder sieht man ihn nicht als einen bloß geduldeten Kolonisten von einem Orte Kanaans zum andern ziehen? Hört man nicht, wie er sich mit seinen Nachbarn um die von ihm gegrabenen Brunnen streiten muß (Gen. 21, 25 ff.)? Wie demütigend für das Geschichtsbewußtsein Israels ist be- 19) Von A. Gerson in seiner Schrift „Abraham, Eine politische Legende" (1907). 20) Diese und andere sprachliche Erscheinungen sind voll beobachtet in meiner Einleitung ins A.T. und „Die moderno Pentateuchkritik" am Schluß.

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