Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 5 (10.12.1916)
- Article
- Der Geschichtsquellenwert der althebräischen Literatur
- Date
- 1916-12-10
- Page
- Seite 127 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908696-2909122--0241-2909150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
127 flüssen und in bezug auf die Weglegung der Quellen von der mosaischen Zeit ihre Grenzen. Denn es dürfen nicht, wie es jetzt in vielen Büchern über die Geschichte Israels geschieht, die alten Materialien vergessen werden, auf die, wie der oben in Nr. 4, b—d gegebene Nachweis gelehrt hat, von den jetzt unterscheidbaren Hauptquellenwerken mehr oder weniger ausdrücklich zurückgewiesen worden ist. Die Verfasser dieser Hauptquellenwerke haben schon dadurch gezeigt, daß sie nicht bloß mitteilen wollten, was man sich zu ihrer Zeit über die älteren Perioden erzählte. Dies haben sie aber auch weiter durch die Tatsache gezeigt, daß sie z. B. die Religion und den Kultus der Patriarchenzeit als eigenartige Größen charakterisiert haben, die z. B. durch den besonderen Gottesnamen „der allmächtige Gott" oder „die Furcht Isaaks" (Gen. 17, 1 usw.; 31, 42, 53) und den Mangel an Festzeiten gekennzeichnet waren, und wie man das weiter in meiner Geschichte usw. S. 171—94 verfolgen kann. Diese Quellenwerke des Pentateuchs protestieren durch diese Tatsachen gegen das neuerdings vielfach befolgte Dogma, daß sie nur Zeugen der Anschauungen ihrer eigenen Entstehungszeit seien. Aber auch betreffs eben dieser Ursprungszeit der Hauptquellenwerke im Pentateuch werden neuerdings von einer weithin herrschenden Richtung die Grenzen überschritten, welche der Literarkritik durch Tatsachen gesetzt sind. Denn um ein Beispiel zu geben, so weist nach dem Zeugnis der Eigennamen der Gebrauch der Bezeichnung „Gott" (hebräisch 'elohim), der in der einen Hauptschicht des Pentateuchs gefunden wird, auf die Richterzeit hin. wo der von Mose verkündete Gottesname „Jahvc" (der ewige und getreue Gott) noch nicht recht in die Zusammensetzung der Personennamen eingedrungen war, wie es nachher seit Davids Zeit zu beobachten ist. Also auch in der Trennung der jetzt vorliegenden Hauptquellenwerke von der Zeit Moses überschreitet die Kritik, von der jetzt gewöhnlich der Elohist und der Jahvist frühestens in das 9. und 8. Jahrhundert gelegt werden, ihre Grenzen. Die Kritik besitzt aber ferner auch noch in anderer Hinsicht oft eine wichtige Grenze ihrer scheidenden Tätigkeit, Denn die kritische Betrachtung z. B. der einzelnen Quellen über Abrahams Leben kann allerdings manche Differenzen derselben feststellen, wie beispielsweise nach dem Zusammenhange von Gen. 12, 1 mit dem vorhergehenden Kapitel (11, 31) die Berufung Abrahams erst zu Harran in Mesopotamien geschah, während anderwärts (15, 7 usw.) schon Ur in Chaldäa als der selbständige Ausgangspunkt Abrahams genannt wird. Aber auch eine kritische Betrachtung der einzelnen Quellenwerke darf nicht die vielen übereinsti mm enden Bestandteile verkennen, die in allen Quellen begegnen. Oder sprechen sie nicht alle von Abraham selbst, von seinem Wegzug aus der Heimat in. ein ihm fremdes Land Kanaan, von seinem Herumziehen in diesem Lande, von seiner neuen Beziehung zur Gottheit, seinem Glaubensgehorsam usw.? Es ist ja gewiß begreiflich, daß die literarkritische Forschung in ihren ersten Zeiten ihr Auge zunächst auf die Verschiedenheiten der Berichte gelenkt