Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 5 (10.12.1916)
- Article
- Das Judentum in Ägypten
- Date
- 1916-12-10
- Page
- Seite 121 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908696-2909120--0231-2909144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
121 Kapitalismus erst unter französischer, ' dann britischer Führungins Nilreich war das Ende der primitiven Naturalwirtschaft besiegelt, und nun wurde dem Bauern nicht nur ein unbeweglicher, in barem Geld zu zahlender und dem Erntewechsel sich nicht anpassender Stcuerzins aufgeladen, sondern er war auch dem gewissenlosen Dorfwucher, der die kindlichen Wirtschaftsanschauungen der Fellachen weidlich ausnutzte und den Ertrag ihrer Arbeit in die Taschen geldleihender Blutsauger leitete, schutzlos preisgegeben: wiederum aber wurden, wie im Altertum, diese Schmarotzer oder deren Hinterländer von der Volksmeinimg für Juden gehalten. Denn erfahrungsmäßig sieht die Masse bei solchen Dingen niemals auf den Grund und macht in triebhilf ter Abwehr gegen die Ausbeutung durch den Kapitalismus zwischen diesem und dem Begriff Judentum keinerlei Unterschied. Merkwürdigerweise hat sich dann aber auch unter der britischen Regierung an diesen Zuständen grundsätzlich nicht viel geändert Kitchen er suchte als englischer Prokonsul Strenge mit Milde zu paaren, er liebte es, sich ,als Freund der Fellachen1 hinzustellen, und die Gerechtigkeit gebietet anzuerkennen, daß er durch seine Agrarreformmaßregeln, namentlich durch das Fünffeddan- und das Halekagesetz zur Sicherung der kleinbäuerlichen Wirtschaften und zur Reform des Marktwesens, viel für die Besserung des Loses dieses Bauerntums getan hat, dessen Dasein ein einziger Kalvariengang gewesen ist, soweit man in die uralte Geschichte des Pharaonenreichs zurückblickt. Aber gleichwohl hat auch er nicht ändern können oder wollen, daß hinter der Maske der patriarchalischen Yolksfürsorge das starre Antlitz britischen Eigennutzes nur zu deutlich sichtbar blieb. Um der Interessen der britischen Spinnereien willen wurde in Ägypten einseitig der Baumwollenbau vorangetrieben und damit die einst hochentwickelte Landwirtschaft, der Getreidebau und die Viehzucht eines Landes, das einst die Hauptkornkammcr der Levante war, auf den Altenteil gesetzt. Heute aber muß der Fellache erkennen, daß er aus der Baumwollfaser kein Brot backen kann: der Absatz stockt, die Geldzahlungen Londons haben fast ganz aufgehört, Hunger und proletarischen Elend breiten sich aus, der natürliche Fruchtboden für den allgemeinen Volksaufruhr ist bestens bestellt. Hinzukommt ein anderes Übel. Unter dem Einfluß der nationalistischen Demagogie hielten die eingeborenen -Richter es meist für zweckmäßig, in Liebdienerei des Volkes und seiner Stimmungen systematisch den britischen Beisitzern zu widersprechen, was natürlich zur Folge hatte, daß dessen Amtsführung denkbar widerwärtig und unfruchtbar wurde, und vor allem, daß die Eingeborenengerichte wieder auf die frühere Stufe der Rechtsprechung im Dienst von Parteien, vom Geldsack und örtlicher Despotenwillkür herabsanken. Statt gewarnt zu sein, ließ sich nun aber die britische Regierung zu einem Sehritt der Nachgiebigkeit drängen, der selbst einem mohammedanischen Beirat.des Berufungsgerichts den Ausdruck des Staunens entlockte: „Entweder sind diese Inglesi Narren oder Götter, die nichts zu fürchten haben." Man verfügte nämlich an der Themse, daß die eingeborenen Richter auf Lebenszeit, die britischen Richter dagegen nur