Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 5 (10.12.1916)
- Article
- Das Judentum in Ägypten
- Date
- 1916-12-10
- Page
- Seite 120 (sequence 6)
- Language
- German
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120 blüte begründete, durch das Gesetz vom 7. März 1908 im wesentlichen darauf hinauslief, die Anstalt noch mehr als bisher zum organisatorischen Zentrum des müslimischen Ordens und damit der allislamischen Bewegung', deren volkstümliche Schrittmacher diese Brüderschaften in schärfster britenfeindlicher Hetzform sind, zu machen: der große Rat wurde mit der Befugnis zur Ernennung und Absetzung aller Ordensscheichs, zur Entscheidung der Ordensstreitigkeiten und zur Verteilung der diesen auf Grund der Wakufverordnungen zustehenden Unterstützungen ermächtigt. Die Partei Mustafa Kamel aber richtete, kühn geworden, im ganzen Lande Abendschulen ein, die nichts anderes waren als eine Art revolutionärer proletarischer Klubs. Die „Volksbelehrung*1 bestand nämlich in Versammlungen, zu denen jung und alt, Männer und Frauen, nach der Arbeit zusammenströmten, um sich oft recht phantastische Vortrüge, welche die landesüblichen Unterhaltungen der Märchenerzähler ins Politische übersetzten, über die Herrlichkeit des früher freien Vaterlandes, über das Elend unter der britischen Fremdherrschaft und die geeignetsten Mittel zu deren Beseitigung halten zu lassen. Die Giftfrucht des radikalen Nationalismus ist alter Erfahrung nach regelmäßig Rassenhetze, der sich im Abendland notwendig Religionshetze anschließt, da ja hier Volks- und Glaubensgemeinschaft sinnverwandte Begriffe sind. Im verhängnisvollen Kreislauf schlimmer Ursachen und böser Wirkungen ist so auch das moderne Ägypten mit einer Neuauflage jener antisemitischen Bewegung ältester Zeiten beglückt worden. Es ist hinlänglich bekannt, daß auch dem politischen Leben der Türkei eine gleiche Flutung nicht fremd ist, die zwei Quellgründe hat: die Feindschaft der Jungtürken gegen die Freimauerei und die unter den nationalistisch gesinnten Abgeordneten herrschende Furcht, daß dank der üblichen Pumpwirtschaft des Finanzministeriums die Regierung immer mehr in die Hände der Hochfinanz geraten werde. Ähnlich steht es in Ägypten. Mit der französischen friedlichen Durchdringung* gewann auch der Einfluß des Pariser Großlogentums in Kairo Boden und wirkte sich ähnlich aus wie an der Seine in der Zeit Waldeck- Rousseaus und der Dreifußpresse, was um so begreiflicher ist, wenn man bedenkt^ daß in der Zeit Ismails und der ,internationalen' Schulden- Prüfungskommissionen das Khediviat vor dem Staatsbankerott stand, daß die niederen Beamten kein Gehalt, keine Bezahlung ihrer Rechnungen m.ehr erhielten, dafür die Steuern zweimal erhoben wurden. Dazu kam die Erregung im Bauerntum. Soviel man gegen die früheren Regierungsmethoden der Paschas, Mudirs, Kaschifs mit Recht einwenden kann, sie hatten doch jedenfalls den Vorteil, daß sie dem Fellachen seine Scholle erhielten, seine Daseinsmöglichkeit und seine Heimattreue, wenn auch unter den härtesten Bedingungen schützten. Der Zehnte wechselte, je nachdem Ägypten im Zeichen der fetten oder mageren Kühe stand: war die Ernte gut, wurde die Abgabe hochgeschraubt, war sie schlecht, so begnügte sich der Steuereinnehmer mit wenig und allenfalls mit einer Ausstäupung des säumigen Zahlers. Mit dem Einzug des europäischen