Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 5 (10.12.1916)
- Article
- Das Judentum in Ägypten
- Date
- 1916-12-10
- Page
- Seite 116 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908696-2909120--0226-2909139- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
116 nach heutigen wissenschaftlichen Gesetzen nicht an, aus einer bloßen sprachlichen Einheitsgrundform, dem sogenannten semitischen Trilitteralismus, eine Einheit der Menschenart abzuleiten. Zerbricht aber anthropologisch der Begriff der semitischen Rasse, so werden aach notwendig die Anschauungen über die Wurzelung des Judentums auf andere Gelefee gedrängt; berücksichtigt man, daß Kanaan von einer dem Fellachentiun ähnlichen rothäutigen Urbevölkerung bewohnt gewesen ist, daß diese wieder mit dem Arabertum eine unbestrittene Verwandtschaft aufweist, daß das große Chettitereroberervolk, das auf seinen Märschen durch die Levante über die Brücke der Ägäis bis nach Griechenland und in das Herz des Balkans gelangte, fraglos mit den Armeniern zu einer Volkstumfamilie gehört und diese wieder auf ihren Wanderzügen in Kanaan eindrangen, so ergibt sich notwendig der Schluß, daß das Judentum' gleichsam ein Sinterabsatz aus all den Völkermineralien ist, die in grauer Vorzeit auf dem Boden Westasiens sich durcheinanderschoben. Damit verringert sich aber seine Bedeutung als Säurcelement in der Geschichte Ägyptens, im politischen und sozialen Werdegang des Pha- Nraonenlandes nicht, sondern wird nur desto formklarer, begriffsbestimmter. Jene Papyrusblätter, die vor rund zehn Jahren aus dem vielleicht noch so viele wissenschaftliche Schätze bergenden Boden des Nillandes zutage gefördert und von Ulrich W i 1 c k e n kritisch untersucht und ausführlich behandelt wurden, sind ein lautredendes Zeugnis der Tatsache. Sie führen uns in lebhaften Farben Bilder aus jenen ältesten Judengemeindenvor Augen, die als eine Art Militärkolonien von den Pharaonen an der nubischen Grenze wahrscheinlich zum Schutz gegen diu Einfälle der äthiopischen Völker angelegt worden waren, deren Unterwerfung erstmals von Usertesen I. (Senwosret) in Angriff genommen und von Usertesen III. vollendet wurde. Ihre Umgangssprache war charakteristischerweise nicht die hebräische, sondern die aramäische. Aber der konservative, zäh am Altväterlichen haltende Geist des Judentums leuchtet doch aus dem ganzen Leben und Treiben dieser Siedclungen deutlich hervor. Kaufbriefe, Erbteilnngs- und Heiratsurkunden weisen in der Gestalt, wie sie die Papyrusblätter überliefern, fast genau dieselben Formen auf, wie sie der Talmud festgelegt hat und wie sie sich bis heute erhielten; die Namen der Personen, welche die Urkunden handelnd auftreten lassen, wie Jedonaja, Mibtachia, Hoschaija, haben echt jüdischen Klang. Daß die spätere „Auswanderung" der Juden aus Ägypten, nach dessen Fleischtöpfen sie sich immer wieder zurücksehnten, keine vollständige war, ist bekannt; man darf annehmen, daß ihre Zahl kaum jemals unter l/10 der Gesamtbevölkerung sank. Alexander der Große, der gleich allen hervorragenden Welteroberern des Altertums wie der Neuzeit die weltpolitische Bedeutung des Pharaonenreichs scharf erkannte und dessen neue Hauptstadt nach seinem Namen nannte, betrieb die Ansetzung von Juden auf ägyptischem Boden systematisch; damals bildeten eich hier sogar neuerdings abgeschlossene, resin israelitische Dörfer und Gemeinden, und in der Zeit des Kaisers Arcadtus wurde die jüdische Einwohnerschaft auf weit über eine Million geschätzt.