Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 4 (25.11.1916)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1916-11-25
- Page
- Seite 109 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908695-2909056--0203-2909102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
109 Christus geworden. Ist aber die Christologie gleichzusetzen mit dem Messiariismus? Im jüngsten Novemberheft der „Preußischen Jahrbücher" schreibt der bekannte Bibelforscher Hermann Gunkel über „die Religion der Propheten". Der Aufsatz ist wertvoll, wie alles von 'diesem Theologen. Auch originelle Auffassungen und Stellungnahmen zu diesem modernen Propheten dürfte er enthalten. Mehr als seine Vorgänger geht Gunkel auf den Zusammenhang der Propheten mit den älteren Formen der israelitischen Religion ein. Und besonders wichtig gegen den von uns angedeuteten neuesten Angriff ist die Verbindung von Religion und Sittlichkeit, welche er als den Kern des Prophetismus erkennt. „So haben die Propheen Religion und Sittlichkeit mit einer ehernen Klammer zusammengeschmiedet, so daß sie niemals wieder getrennt werden können". (S. 196.) „Solche Betonung der Sittlichkeit aber ist unerhört" (S. 108). Aus dieser Bevorzugung der Sittlichkeit erklärt er den Kampf der Propheten gegen den Kultus, und er erkennt als das Positive in ihrer Sittlichkeit das Recht an, „wir würden in unserer Sprache sagen das soziale Handeln" (S. 203). Daher auch die Einsicht: „im Ganzen bleibt auffallend, wie wenig „mystisch" die Religion der Propheten gestimmt ist" (S. 204). Gott und Mensch bleiben bei ihnen durch eine unüberschreitbare Kluft getrennt". Und ihren Gott denken die Propheten im Gegensatz zu allen Göttern Babels. „In dieser Jahrhunderte lang dauernden Krisis haben die Propheten Israels den Montheismus behauptet und zum ersten Worte in der Religion erhoben" (S. 209). In schönen Worten preist Gunkel diesen Grundgedanken der Propheten als den „erhabenen Enthusiasmus gewaltiger Naturen", gegenüber den anderen Völkern des Altertums. Und auch die Unvergleichbarkeit dieses absoluten Gottes sei von ihnen erkannt und durchgeführt worden. Nur die Verbindung Gottes mit Israel sei auch bei den Propheten festgehalten. Indessen die „Unheilspropheten" haben „zuweilen Miene gemacht, dies Band überhaupt zu zerreissen" (S. 209). Dagegen aber haben die „Heilspropheten" die Verklärung Israels hochgehalten. Schon diese Unterscheidung zwischen den beiden Stilarten der Propheten ist nun aber bedenklich. Die Rabbinen schon machten die Exegese an Jcsaja, daß er mit der Unheilsverkündung anfange, aber mit der Tröstung, mit der Heilsverkündung, abschließe. Der Untergang Israels, nämlich als Staat, kann ja niemals den Weltuntergang bedeuten. Das wäre gegen den Bund Gottes schon mit Noah. Der „Rest Israels" muß bleiben; er bildet einen ewigen „heiligen Stamm". Und die Wiederaufrichtung Israels kann immer nur zusammenfallen mit der Errichtung des Gottesreiches auf Erden: wenn anders der Universalismus der Propheten seinen Sinn nicht flugs wieder verliert. Hier ist nun die Schranke für unseren neuesten Interpreten: die Einheit des Monotheismus mit dem Messianismus besteht für ihn nicht in dem einheitlichen Geiste der Propheten. In diesem Geiste sind vielmehr aber Heil und Unheil untrennbar verbunden. Und Heil und Unheil beziehen sich beide nicht ausschließlich auf Israel, sondern sie stehen