Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 4 (25.11.1916)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1916-11-25
- Page
- Seite 108 (sequence 3)
- Language
- German
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108 anderen auch. Und die Mehrheit, in die er sich einreiht, bildet auch noch nicht den Menschen. Denn als Herdenmensch würde er sich auch nicht unterscheiden von allen anderen Wesen. Jeder Einzelne Mensch gehört der Allheit des Menschengeschlechts an. Die Menschheit wird von keinem einzelnen Volke gebildet, und auch von allen zusammen nicht; es sei denn, daß sie allesamt sich vereinigen in die Eine Menschheit. So beten die Juden an ihren höchsten Festtagen: „Auf daß alle Erschaffenen sich vereinigen in einem Bunde. Und so lautet das Schlußgebet an jedem Tage: „daß die Welt gegründet werde auf das Reich Gottes". Der Monotheismus ist zum Messianismus geworden. Denn im Messianismus denkt der prophetische Jude das Ziel der Einen Menschheit „am Ende der Tage". Und auf dieses Ende, dieses Ziel muß jeder Tag im Menschenleben, im Völkerleben hinsteuern. Das ist unser Glaube an den Einzigen Gott der einigen Menschheit. Was bedeutet Israel in der Menschheit? Nichts anderes und nichts geringeres als den Boten dieser doppelsinnigen Einheit. Diese Botschaft ist der Sinn seiner Erwählung. Und vor der Höhe dieser Aufgabe erscheinen alle Geschicke seiner bisherigen Geschichte, seine einstmalige Glanzperiode, wie das Elend in den beiden letzten Jahrtausenden, geringfügig und nichtig. Könnte es einen höheren Wert eines geschichtlichen Daseins geben als der ist, der Bote des Einzigen Gottes auf Erden zu sein? Mißhandelt mich, verspottet mich — ihr könnt mit allen euren menschlichen Ränken nicht an mein Wesen heran, das unerschütterlich feststeht in meinein Glauben an meinen unendlichen Beruf. Die neuere Wissensehaft hat endlich Licht gebracht in den Sinn der alten Bibel. Die protestantische Kathedertheologie hat das unvergängliche Verdienst, dieses Licht sich entzündet und über die gebildete Welt verbreitet zu haben. Es ist seitdem zum Aberglauben geworden, daß die Propheten Israels nur für Israel geweissagt hätten. Das Hochgefühl des Propheten: „Es ist zu gering, daß du mir Knecht seiest, aufzurichten die Stämme Jakobs und zurückzuführen die Bewahrten Israels: Ich habe dich gegeben zum Lichte der Völker, auf daß gelange mein Heil an das Ende der Erde" (Jesaja 49, 6), ist endlich als der Schwerpunkt des Prophetismus erkannt worden. Prophetismus und Universalismus sind eine und dieselbe Wahrheit geworden. Wer daran wieder rütteln will, der muß eine verkehrte Methodik ins Werk setzen, und seine Soziologie kann nicht in Einklang stehen mit einer solchen, welche das wirtschaftliche Material als die Grundlage behandelt, auf der erst das Geistige zu wahrem Leben sich entwickeln kann. Wenn die Propheten in der bäuerlichen Verfassung ihres Staates lebten, so gelangten sie dadurch zu ihrer sozialen Ethik. Und erst von dieser Grundlage aus konnten sie zu ihrem Universalismus aufsteigen. Wenn nun aber der Universalismus der Propheten sichergestellt war, so blieb noch immer der Messianismus das große Rätsel, dessen Lösung überaus schwierig scheinen mußte; denn der Messias war zum