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Neue jüdische Monatshefte · 1916-11-25 · Heft 4 (25.11.1916) · p. Seite 107

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 4 (25.11.1916)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1916-11-25
Page
Seite 107 (sequence 2)
Language
German
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107 Indessen diese Aufgabe, so sehr sie niemals von der Tagesordnung der öffentlichen Bildung geschwunden ist, gehört doch zu dem großen Zukunftsprograffin der Menschheit. Inzwischen aber hat sich der gemeine Mann niemals seinen lieben Gott gänzlich rauben lassen. Und unter den Gebildeten gibt es auch heutzutage nicht gar wenige, welche die Ahnung festhalten, daß es nicht ganz in der Ordnung sein möchte, an der sittlichen Welt, welche eine Leitung voraussetzt, aus oberflächlicher Erfahrungsweisheit zu verzweifeln. Spricht der Weltkrieg etwa dagegen? So wenig, als das Erdbeben von Lissabon im 18. Jahrhundert. Wozu lernt unsere Bildung von der Geologie, wenn wir nicht einmal von der Bildung des Erdkörpers einen Schluß ziehen wollen auf die Entwicklungen der absonderlichen Species homo. Goethe soll zwar ein Pantheist gewesen sein, dennoch aber hat er gesungen: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen." Wer so gedacht hat, war kein Pantheist, obschon er das Gedankenwerk des Pantheismus nicht verschmäht haben mag, wie auch kein anderes Material, als Stoff für seine Poesie. Der Mensch ist also unterschieden von allen anderen Wesen. Und nur im Guten besteht dieser Unterschied. Das Gute, das ist der Inhalt, der Wert, das Problem der sittlichen Welt. Der Mensch hat die Auszeichnung, dieses Gute in der sittlichen Welt zu verwirklichen. Hat er es vollbracht? Die Frage ist falsch. Stehen wir am Ende oder inmitten, vielleicht sogar erst am Anfang der Menschengeschichte? Vollziehen sich nicht etwa auch die Stufen in der Entwicklung der Menschen und der Völker, wie die Perioden der Erdgeschichte, in Jahrtausenden? Die Entwicklungsgeschichte spottet ihrer selbst, die von der winzigen Summe der bisherigen Jahrminuten einen Maßstab entnimmt für das Ziel der sittlichen Welt. W7em dieses Ziel, als die Wirklichkeit des Guten auf Erden, unverrückbar vor der Seele schwebt, der glaubt an Gott — auch wenn er ihn als das einzige Sein sich nicht zum Problem gemacht hat. Monotheismus ist verwachsen mit der Philosophie in ihren beiden Grundgebieten, aber im schlichten Menschengeiste ist er doch nicht an die reife Philosophie gebunden. Im Menschen, als dem Vernunftswesen, ist der Grundgedanke der sittlichen Vernunft lebendig: daß es eines Gottes bedarf, mehr als für die Schöpfung der Naturwelt ganz besonders als eines Urhebers der sittlichen Welt, Und wie der Schöpfer nicht nur dazu da sein kann, don Anfang ins Leben zu rufen, sondern wie die Schöpfung zugleich auch die Erhaltung der Welt bedeuten muß, so auch muß der Urheber der sittlichen Welt der Bürge sein für ihre Entwicklung zu ihrem Ziele hin. Und dieses Ziel, es kann kein anderes sein als die Wirklichkeit des Guten auf Erden. Die Geschichte der Menschcnwelt kann keinen anderen Sinn haben, als welchen die Verwirklichung des Guten auf Erden bildet. Der Monotheismus mußte daher seine Vollendung erreichen im Messianismus. Der Einzige Gott ist nicht nur der Schöpfer der Welt, sondern insbesondere der Schöpfer des Menschen, des von allen Wesen, die wir kennen, unterschiedenen Wesens. Der Mensch, das ist nicht der einzelne. Denn als solcher wäre er nur ein Naturwesen, wie die

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