Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 4 (25.11.1916)
- Article
- Der Geschichtsquellenwert der althebräischen Literatur
- Date
- 1916-11-25
- Page
- Seite 101 (sequence 8)
- Language
- German
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101 Leider muß ich schon diese Art von Beobachtungen an den israelitischen Geschichtsbüchern hervorheben, weil ihnen neuerdings so gar wenig Wirklichkeitssinn zugesprochen zu werden pflegt Aber sie haben solchen Sinn zweitens auch in bezug auf die weniger in die Augen fallenden und zum Teil geistigen Schritte der Kulturgeschichte betätigt. Oder ist es nicht auffallend, wie oft in den Geschichtsbüchern Israels der Wechsel der Ortsnamen bemerkt wird? „Bela, die heißt (jetzt) Zoar" ist der erste Fall (Gen. 14, 2). Wer erst einmal auf diese Bemerkungen aufmerksam geworden ist, findet leicht selbst ganze Reihen von ihnen. Er wird dann auch die auffallenden Notizen über den Wechsel der drei Bevölkerungsschichten in Palästina (Urbewohner, Kanaaniter und Hebräer: Gen. 14, 5 f.; Deut. 2, 10 ff.) beachten. Auch die Stellen über .den Wechsel der Monatsnamen (1. Kön. 6, 37 usw.), der Prophetenbenennuiig (1. Sam. 9, 9), der Gottesbezeichnungen (Exod. (), 2 f. usw.) und über viele andere feinere Unterschiede wird er finden, wie sie in der Rcligions- und Kultusgeschichte Israels hervortreten und in meiner „Geschichte der alttestainentlichen Religion kritisch dargestellt".-(1915) aus den Quellen erhoben worden sind. d) Wer aber wollte außer alledem, was die hebräische Geschichtschreibung selbst positiv in ihrem Inhalt an Mitteln zu ihrer Würdigung darbietet, nicht auch noch das beachten, was die neueren Entdeckungen über das Alter der Schreibkimst im vorderen Asien uns gelehrt haben? Die im Jahre 1902 zu Schuster (dem alten Susa) gefundene Basaltsäulc mit den ursprünglich 282 Gesetzesparagraphen des altbabylonischen Königs Hammurapi (um 2000) setzt ja an mehreren Stellen ausdrücklich die Bekanntschaft mit den Buchstaben auch bei dem Volke voraus. Denn z. B. § 128 lautet: „Wenn jemand eine Ehefrau nimmt, aber keinen Vertrag mit ihr abschließt, so ist dieses Weib nicht Ehefrau", und mehrere andere Paragraphen handeln von Geschäftsverträgen. Eine wie unnatürliche Annahme wäre es da, daß Abraham, der aus dem südlichen Babylonien ausgewandert ist, nicht mit dem Schriftgebrauch bekannt gewesen sei, und das Tragen eines doch wahrscheinlich mit Schriftzeichen versehenen Siegelringes von Seiten Judas (Gen. 38, 18) ist jetzt voll beleuchtet, da Siegel bei den Ausgrabungen in Babylonien und Palästina massenhaft gefunden worden sind 7) — eine Bestätigung auch für Herodot, der in 1, 195 über die Babylonier schreibt: „Ein Siegel hat jeder.4' Daher ist es keineswegs eine Unmöglichkeit oder auch nur eine Unwahrscheinlichkeit, daß schon in der vormosaischen Zeit einzelne Notizen von Hebräern gemacht worden sind, wie z. B. über den Ankauf des Erbbegräbnisses (Gen. 23, 1 ff.). Betreffs der Sicherheit der ältesten Geschichte, eines Volkes ist es ein großer Unterschied, ob es auf der Stufe der Primitiven entsteht oder auf der Stufe einer höheren Kultur. Darum ist etwas Wahres daran, wenn neuerdings jemand gesagt hat: „Israel ist nicht als Kind, sondern als Mann zur Welt gekommen" 8). 7) Benzinger, Hebr. Archäologie, 2. Aufl. (1907), S. 179 f., 123 f.; H. Vincent, Canaan d'apräs Texploration recente (1907), S. 170 f. 8) S. Jainpel, Vorgeschichte Israels und seiner Religion (1913), S. 2.