Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 4 (25.11.1916)
- Article
- Der Geschichtsquellenwert der althebräischen Literatur
- Date
- 1916-11-25
- Page
- Seite 95 (sequence 2)
- Language
- German
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95 Beschaffenheit, daß sio nicht ein später willkürlich erträumtes Bild von der Geschichte dieses Volkes hinmalen wollen. Denn welcher Israelit hätte sich später den überaus wechselvollen Gang dieser Geschichto von Abraham her ausdenken sollen? Wer auch hätte, wenn er ein freierfundenes und deshalb natürlicherweise seinem Ideal entsprechendes Bild von der Vergangenheit seines Volkes hätte zeichnen wollen, z. B. die Knechtschaft Israels in Ägypten und die immerwährenden Fälle der Auflehnung dieses Volkes gegen Mose in dieses Geschichtsbild hineingemalt? Also auch mit dieser zweiten Art des Angriffs auf den Wert der althebräischen Geschichtsbücher braucht man sich nicht länger zu beschäftigen. Ein drittes Haupturteil aber, das jetzt über die israelitischen Geschichtsbücher gefällt zu werden pflegt, lautet dahin, daß diese Bücher sehr spät aus ganz unzuverlässigem Material aufgebaut worden seien. Dieses jetzt weithin herrschende Urteil kommt, um nur allerneueste Vertreter desselben zu nennen, z.B. in Herrn. Weinheimers Geschichte des Volkes Israel (1909) zum-Ausdruck. Denn da liest man kein Wort von der vor Israels Aufenthalt in Ägypten liegenden Geschichte, und der einzige Satz, der da dieses Verfahren erklären will, lautet: „Über Israels Vorgeschichte ist Dunkel gebreitet" (S. 9). Ebendasselbe liest man in Eißfeldt, Israels Geschichte (1914) S. 3 f., und so lautet das Urteil im Namen der Wissenschaft jetzt ganz gewöhnlich. 2 Doch wäre es ein Unrecht, wenn daneben nicht auch bemerkt würde, daß von Seiten der Wissenschaft neuerdings über die Geschichtsschreibung des Volkes Israels auch ein Urteil abgegeben worden ist, das laut zu deren Gunsten spricht. Es war aber kein Geringerer als der Hauptvertreter der Wissenschaft von der Geschichte des Altertums an der Universität Berlin, der bekannte Professor Ed. Meyer, der in der neuen Bearbeitung seiner großen Geschichte des Altertums folgendes Urteil ausgesprochen hat: „Völlig selbständig ist eine wahre historische Literatur nur bei den Israeliten und den Griechen. Bei den Israeliten, die auch darin eine Sonderstellung unter allen Kulturvölkern des Orients einnehmen, ist sie in erstaunlich früher Zeit entstanden und setzt mit hochbedeutenden Schöpfungen ein, einmal den rein historischen Erzählungen im Richter- und Samuelisbuche, sodann dio Bearbeitung der Sage durch den Jahvistenu *). Dieses Urteil hat er in seinem großen Werke „Die Israeliten und ihre Nachbarstämme41 (S. 484) weiter ausgeführt und so begründet: „Die Berichte über David hauptsächlich in 2. Sam. 9—20 und 1. Kön. _lf. lehren durch ihren Inhalt unwiderleglich, daß sie aus der Zeit der Ereignisse selbst stammen, daß ihr Erzähler über das Treiben am Hofe und die Charaktere und Antriebe der handelnden Persönlichkeiten sehr genau informiert gewesen sein muß. Sie können nicht später als unter Salomo geschrieben sein." Er neigt auch zu dem Urteile, daß in Abschnitten, wie Rieht. 8 f. und 17 f., 1. Sam. 16, 14 ff., 18, 10—28, 2 und 29, 1—2. Sam. 4 „die Trümmer eines \) Ed. Meyer, Geschichte des Altertums I, 1 (1907), §131.