Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 4 (25.11.1916)
- Article
- Der Geschichtsquellenwert der althebräischen Literatur
- Date
- 1916-11-25
- Page
- Seite 94 (sequence 1)
- Language
- German
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94 Der Gesdiichtsquellenwert der allhebräischen Literatur Von Geheimrat Prof. Dr. Ed. König, Bonn Der Wert aller Benutzung des althebräischen Schrifttums beim Aufbau der allgemeinen Weltgeschichte oder irgendeines Zweiges der Kulturgeschichte ist natürlich von dem Grade der Autorität bedingt, die diesem Schrifttum im Umkreise der Geschichtsquellen zugesprochen werden kann. Deshalb ist es schon für die allgemeine Grundlegung der Mitarbeit an diesem neuen literarischen Organ, zu der ich eingeladen worden bin und zu der ich mich im Dienste meiner wissenschaftlichen Lebensaufgabe gern entschlossen habe, zweckentsprechend, wenn ich diese Mitarbeit mit einem Artikel über den Grad der Zuverlässigkeit beginne, die der altisraelitischen Literatur zugeschrieben werden darf und muß. Aber ich hoffe, auch anderen mit meiner Darlegung über diesen grundlegenden Punkt einen willkommenen Dienst erweisen zu können. Wird sie doch Fragen zu beantworten haben, die — man darf sagen — keinem kulturgeschichtlich interessierten Geiste unserer Zeit ganz fern liegen, im nächsten Kreise der Leser dieser Monatshefte aber gewiß oftmals die Seele mit ernster Gewalt bestürmen und mit tiefer Sehnsucht nach einer gültigen Lösung erfüllen. Wieviel Anlaß dazu aber vorhanden ist, wird sich gleich zeigen, wenn ich im Eingange meiner Darlegung auf die jetzt landläufigen Angriffe gegen , die althebräischen Geschichtsbücher zu sprechen kommen muß. 1 Welche Summe von Bemängelungen in unserer Gegenwart in bezug auf die Geschichtsbücher Altisraels ausgesprochen zu werden pflegt, kann nicht leicht vollständig entfaltet werden. Aber die giftige Art und der weite Umfang dieser Angriffe wird doch hinreichend angedeutet sein, wenn ich auf folgende drei Hauptgruppen derselben hinweise. In erster Linie muß da aber das sozialdemokratische Pamphlet „Die Bibel in der Westentasche" genannt werden. Denn darin heißt es z. B.: „Die Priester haben zum größten Teil die Bibel gesehrieben und haben sie dazu benutzt, für sich Vorteil herauszuschlagen, ihre Feinde aber nach Möglichkeit zu verleumden." Aber welche Ungerechtigkeit liegt darin! Das Einkommen der Priester ist nach dem althebräischen Schrifttum keineswegs ein reichliches, wie man z. B. aus Deut. 18, 3 f. ersehen kann. Verleumdungen aber den biblischen Autoren vorzuwerfen, das heißt selbst verleumden. Ein zweites Haupturteil der gegenwärtigen Menschheit über die Geschichtsbücher der Hebräer geht dalün, daß in diesen Büchern bloß die Darstellung einer „Geschichtsphilosophie" zu sehen sei. So sind diese Geschichtsbücher neuerdings von Piermann Schneider charakterisiert worden in seinem Buche „Zwei Aufsätze zur Religionsgeschichte" (Leipzig 1909) S. 2. Man meint also, daß gewisse Leute in Israel sich hinterher ein allgemeines Bild vom Ursprung und Verlauf der Geschichte ihres Volkes entworfen und dieses Bild in einem Geschichtswerke aufgezeichnet hätten. Aber die Geschichtsbücher Israels zeigen durch ihre tatsächliche