Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 4 (25.11.1916)
- Article
- Organisationsstatut der jüdischen Gemeinden in Polen
- Date
- 1916-11-25
- Page
- Seite 88 (sequence 2)
- Language
- German
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69 drucksvoll gegenüber den Nicht-Juden, einflußreich gegenüber den Behörden, mit starken Rechten gegenüber den Glaubensgenossen selbst: ein zwangsmäßig gefügter Rahmen, den hoffentlich sehr bald das Leben freier Selbstverwaltung erfüllen wird, Die Bedeutung der Schöpfung für die Entwicklung des jüdischen Volkes in dem künftigen polnischen Staate kann kaum überschätzt werden. Eine atomisierte, durch tausend Gegensätze religiöser, politischer, sprachlicher, wirtschaftlicher Art in ihrem Selbsterhaltungskampfe gelähmte Masse von eingeschüchterten, durch jahrhundertelangen entsetzlichen Druck fast zermalmten Menschen hat eine Organisation erhalten, die aus der Masse eine Gruppe in soziologischem Sinne, d. h. eine von dem Bewußtsein gleicher Art zusammengehaltene, von gleicher Not zu gleicher Handlung gedrängte stoßkräftige Gemeinschaft machen wird. Damit ist ihrer Wehrlosigkeit nach außen hin ein Ende gemacht: denn der Oberste Rat ist eine Körperschaft, die gehört werden wird, wenn sie spricht. Und damit ist auch ihrer Zersplitterung nach innen wenigstens so weit ein Ende gesetzt, daß sie die vorhandenen starken gemeinsamen Interessen erkennen und verfolgen wird, statt alle Kräfte im inneren Zwiespalt zu binden. Wir deutschen Juden dürfen der deutschen Verwaltung aufrichtig dankbar sein, und wir hoffen, daß auch unsere Glaubensgenossen in Polen sehr bald einsehen werden, welches kostbare Werkzeug in ihre Hand gegeben ist, und daß sie bald lernen werden, es im Sinne der Geber verständig zu brauchen. Daß die Verordnung uns nicht alles gibt, was wir gewünscht und erstrebt haben, brauchen wir dabei nicht zu verschweigen. Wir hätten statt der einen lieber eine doppelte Gesamtvertretung der Juden in Polen gesehen, entsprechend ihrer Doppeisteilung als Religionsgemeinschaft einerseits und als Sprach- und Kulturgemeinschaft andererseits. Das hätte den Grundsätzen moderner Organisationskunst mehr entsprochen, die sorgfältig die Interessengruppen sondert, jede einzelne für sich organisiert, alle zusammengehörigen Gruppen als Pyramide mit einer repräsentativen Spitze aufbaut und dann erst lokal und interlokal die verwandten Gruppen zusammenfaßt, Die Gesamtordnung wäre, noch logischer, klarer und leistungsfähiger geworden, wenn man sich hätte entschließen können, überall neben den religiösen Kultusgemeinden „nationale" Kulturgemeinden einzurichten und bis zur Spitze aufzubauen, so daß neben dem Obersten Rat der Synagogengemeinden, dem die Befriedigung des religiösen Kollektivbedürfnisses oblag, der Oberste Rat der jüdischen „Volksuniversität" gestanden hätte, dem' die Befriedigung des sprachlichkultur e 11 e n Kollektivbedürfnisses oblag. Das ist leider nicht erreicht worden, und darum war es erforderlich, die Religionsgesellschaft mit Aufgaben zu belasten, die ihrem eigentlichen Wesen fremd sind und bleiben müssen, weil sie der Volksuniversität gebühren: mit dem Schulwesen und wohl auch mit Wohlfahrtsaufgaben. All das wäre nicht sehr bedeutungsvoll, wenn es sich um eine sprachlich und kulturell einheitliche Masse handelte, wie es etwa wir deutschen Juden sind. Das sind aber die Juden Polens nicht; und so bringt die Ver-